Prominente Bisexuelle

_ Berühmt und bi _

Nein, hier wird niemand geoutet. Alle hier Genannten haben das entweder längst hinter sich oder es selbst besorgt und ihre – wenigstens zeitweisen – Bi-Neigungen offen gelebt und darüber gesprochen. Dass die Kunstszene hier dominiert, muss nicht wundern, lebt doch Kunst von öffentlicher Darstellung und Außenwirkung.

Offen muss bleiben, ob sich alle hier Genannten zu jeder Zeit als „bisexuell“ bezeichne(te)n. Der Begriff ist eben nicht ganz trennscharf: Schließlich soll es bekennende Schwule geben, die auch gerne mal mit einer Frau ins Bett gehen und Hetero-Frauen, die gelegentlich Sex mit einer Frau genießen. Und sogar Bisexuelle, die viele Jahre oder gar ihr ganzes Leben lang keinen gleichgeschlechtlichen Sex haben (seufz).

Wie schwer eine solche Definition ist, merken wir schon bei David Bowie (*1947), der in den 70ern offen seine Bisexualität benannte (und lebte), aber seit den 90ern nicht müde wird, es als „größten Fehler meines Lebens“ zu bezeichnen, sich jemals als bi klassifiziert zu haben. Tja…

Die New Yorker Szene der 70er jedenfalls war ein Pflaster für alle möglichen Beziehungsformen, die vor allem unter Künstlerinnen und Künstlern offen ausgelebt wurden. Der Sänger und Gitarrist Lou Reed (*1943) war einer von ihnen. Seine erste Platte mit der Musikgeschichte schreibenden Gruppe „Velvet Underground“ (benannt nach einem sado-masochistischen Trivialroman) produzierte 1966 der schwule Künstler Andy Warhol. Reed war als junger Mann auf Betreiben seiner Eltern einer Psycho-Therapie mit Elektroschocks ausgesetzt worden. Das „heilte“ ihn aber mitnichten von seinen Neigungen: Als Solostar zeigte er nach dem Ende von „Velvet Underground“ in den 70ern noch deutlicher als zuvor deutlich schwules Outfit und sang Texte über die Szene-Größen und Transvestiten. 20 Jahre später war das zumindest äußerlich vorbei. Jetzt trat er als Partner der Performance-Musikerin Laurie Anderson in Erscheinung.

Mick Jagger (*1943), Sänger und Frontmann der „Rolling Stones“, gehörte wie Bowie und Reed zu den Stammgästen der New Yorker Nobeldiscotheken, in denen wenig Aufhebens um sexuelle „Andersartigkeit“ gemacht wurde. Seine Freundin und Ex-Geliebte Marianne Faithfull (*1946) – die ihm und Co-Autor Keith Richards 1964 ihren ersten Hit „As Tears Go By“ verdankte – outete Jagger in ihrer Autobiographie „Faithfull“ (dt.: „Marianne Faithfull. Eine Autobiographie“, rororo, antiquarisch noch erhältlich) ganz freundlich-freundschaftlich als bisexuell, und sich selbst bei dieser Gelegenheit gleich mit. Jagger selbst hat das Thema öffentlich stets vermieden. David Bowies Ex-Frau Angie dafür einmal auf die Frage, wie sie Jagger kennen gelernt habe: „In unserem Schlafzimmer. Er lag im Bett mit meinem Mann.“

In der Musikszene gab es offenbar schon immer viele offen lebende Bisexuelle. Skin alias Deborah Anne Dyer (*1967), androgyne Ex-Sängerin der Gruppe „Skunk Anansie“, hat sich in Interviews ebenso freimütig dazu bekannt wie die Sängerin und Gitarristin Ani DiFranco (*1970) und der Kopf der US-Supergruppe „R.E.M.“ Michael Stipe (*1960).

Auch die Sängerin Neneh Cherry (*1964, Tochter des Jazz-Trompeters Don Cherry) trat in die Fußstapfen berühmter bisexuell lebender Sängerinnen.

Dazu gehörten die „Mutter des Blues“ Bessie Smith (1894-1934), schwarzer Star der 20er- und 30er-Jahre und zeitweise Geliebte ihrer lesbischen Kollegin und Vorgängerin Ma Rainey, und Billie Holiday (1915-1959), neben Ella Fitzgerald die berühmteste Jazz-Sängerin überhaupt.

Nicht zu vergessen Superstar Madonna (*1958), die freilich nie ganz den Verdacht zerstreuen konnte, ihr Kokettieren mit Frauen-Sex entspringe purem Marktkalkül, um sich interessant zu machen. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie Britney Spears öffentlich einen langen Zungenkuss verpasst – wohl eher als Gag.

Ganz anders die italienische Rocksängerin und Gitarristin Gianna Nannini (*1956). „Ich bin bisexuell und bekämpfe jegliche Form von Sexismus. Die Liebe für einen Mann oder eine Frau ist eine Begegnung von Freiheiten“, sagte sie im Interview mit dem italienischen Web-Portal „Gay.It“. Was auch Brian Molko , Sänger der Band Placebo, unterschreibt: Er lebt „offen“.

Ähnlich hielt es der Sänger und langjährige Vorzeige-Schwule der Rockszene Tom Robinson (*1950), der zur Verblüffung der Community 1988 – eine Beziehung mit einer Frau einging. Allerdings nur, um 1994 ein Comeback zu versuchen: mit der Schwulenhymne „Glad To Be Gay“.

Ebenfalls lange als Schwuler wurde der Dirigent und Komponist Leonard Bernstein (1918-1990, Komponist u. a. des berühmten Musicals „West Side Story“) eingeordnet. Aus seinen Männerbeziehungen machte er kein Geheimnis, seine Ehen nahmen viele deswegen nicht recht ernst – bis er sich zur Bisexualität bekannte, was seine offene Einstellung zum Leben, zur Musik und zu den Menschen noch unterstrich.

Abteilung Schaupieler/innen: Juliette Lewis (*1973, „Natural Born Killers“, „From Dusk `Til Dawn“) war für manche die wildeste Schauspielerin der 90er Jahre (und betätigt sich neuerdings erfolgreich als Punksängerin). Sie knutschte mit ihrer Assistentin, während sie gleichzeitig mit dem Schauspielerkollegen Brad Pitt zusammen war. Ihrer Ansicht nach kein Grund für Heimlichkeiten. Für „Lara Croft“ Angelina Jolie – inzwischen ihrerseits die Frau an der Seite von Mr Pitt – auch nicht. (Im August 2007 allerdings gab sie zu Protokoll: „Ich habe nie verborgen, dass ich bisexuell bin. Aber seit ich mit Brad zusammen bin, ist kein Platz mehr für Frauen oder Sado-Maso in meinem Leben.“)

Der von der Königin in den Adelsstand erhobene Brite Laurence Olivier (1907-1989) hatte es nicht so einfach. Zu seiner Zeit war schwules Leben in Verbindung mit „normaler“ Heterosexualität eben noch lange nicht selbstverständlich, auch nicht für seinen Hitchcock-Star-Kollegen Cary Grant (1904-1986).

Selbst eine so couragierte Frau wie Inge Meysel (1910-2004) musste erst das Rentenalter erreichen, bis die Gesellschaft (und wohl auch sie selbst) reif für ihr Selbst-Outing in einer TV-Talkshow waren. „Bild“ und die Deutschen zeigten sich zunächst von Inges Bi-ographie geschockt, aber haben es überstanden, und ihr selbst hat's nicht geschadet…

Marlene Dietrich (1901-1992) dagegen war in ihren letzten Lebensjahren extrem öffentlichkeitsscheu, und zu früheren Zeiten war offene Bisexualität verpönt. Ihre androgyne Erscheinung zieht nach wie vor Menschen aller Geschlechter und Orientierungen an.

Als schönster Mann der Welt galt vielen Anfang der 70er Joe Dallesandro (*1948), ein Star durch den Warhol-Film „Flesh“ (dt.: „Fleisch“). Er war, ist zu lesen, lange mit einer Drag Queen und einem Hairstylisten liiert, aber später mit einer Frau verheiratet. Er ist außerdem Vater von sieben Kindern. Bi-orientiert geriet auch 1974 sein mit Jane Birkin gedrehter Spielfilm „Je t'aime moi non plus“, der es gelegentlich ins Fernseh-Nachtprogramm schafft.

Der vielleicht berühmteste deutsche Regisseur der Nachkriegszeit, Rainer Werner Fassbinder , (1946-1982) ist mit dem Begriff „schwul“ genauso unzulänglich beschrieben. Wechselnde Beziehungen zu Frauen und Männern bestimmten sein ganzes Leben, auch wenn das nicht unbedingt in seine filmische Arbeit eingeflossen ist.

Anders als bei Fassbinder haben die Filme nach den unverkrampft-unterhaltsamen Büchern des Briten (und Bowie-Freundes) Hanif Kureshi (*1954, „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Der Buddha aus der Vorstadt“, „Intimacy“) direkt schwule Beziehungen zum Thema. Er selbst ist bi und, wie es scheint, ganz bi-typisch tolerant.

Modeschöpfer/innen sollen – so das Klischee – genauso oft schwul oder lesbisch sein wie Schauspieler oder Friseurinnen und Friseure. Wolfgang Joop (*1944) ist anders. Als um 1996/97 Bisexualität zu einem beherrschenden Thema der Mittags-Talkshows, der Illustrierten, Lifestyle- und Fernseh-Magazine wurde und sogar der „Spiegel“ dem Thema eine Titelstory widmete (Heft 5 vom 29.1.1996), war Joop nicht selten an vorderster Front der Bekennenden – mit einer klaren Absage an die Promiskuität für sich persönlich, freilich ohne zu missionieren.

Und wo wir schon in Deutschland sind: Die WDR-Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger (*1956, u. a. Talkshow „b.trifft“) lebt zwar schon lange mit Partnerin, hatte zuvor aber Männerbeziehungen und bezeichnete sich in einem Interview als bisexuell. Für ihr Zwangsouting verantwortlich war übrigens TV-Kollege Harald Schmidt. Dergleichen kam ihr WDR-Kollege, der Late-Night-Talker Domian , zuvor. Er erzählt eher nebenbei gelegentlich von seinem Bi-Sein.

Ebenfalls ganz freiwillig ist Aufklärungs-Papst Oswalt Kolle (*1928) mit seiner Orientierung an die Öffentlichkeit gegangen, verbunden mit dem Credo, Bisexualität sei in erster Linie eine große Bereicherung, nicht eine Last. Mehr dazu in seinem Buch (Dr. Sabine zur Nieden/Oswalt Kolle: „Nach beiden Seiten offen. Lust und Last der Bisexuellen“, Heyne-Taschenbuch, leider vergriffen) und der BiNe-Literaturliste.

Heißt es nicht immer, lange Texte würden im Internet nicht gelesen? Deswegen soll hier erstmal Schluss sein. Nur noch kurz hingewiesen sei auf Namen wie Anais Nin ("Das Delta der Venus“), Eleanor Roosevelt und George Sand , die allesamt hier eigene Seiten verdient hätten. Und was ist mit Joan Baez , die schon vor etlichen Jahren dem Musikmagazin „Rolling Stone“ von ihrer zweiseitigen Liebe berichtete? Was mit Calvin Klein und dem langjährigen Partner von Luchino Visconti, Helmut Berger ? Und Horst Buchholz , den der „Bunte"-Reporter Paul Sahner – offenbar scharf auf eine Schlagzeile – als bi outete… Nein, ein andermal. Für alle, die noch nicht genug haben: Eine schier endlose, wenngleich unkommentierte Liste von Namen hat Heidi Vanderheiden zusammengestellt.

Hinweise, Ergänzungen, Korrekturen, Feedback bitte an Thomas . Danke!

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© BiNe e.V. Aktualisiert: Oktober 2006
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