Bi-Gruppe neu gründen

Wie gründe ich eine Bi-Selbsthilfegruppe?

Ein Leitfaden für Unerschrockene

Text: Robin Cackett

Grundsätzlich kann jede und jeder eine neue Bi-Gruppe auf die Beine stellen. Die wichtigsten Voraussetzungen zur Gründung einer neuen Gruppe sind Entschlossenheit, viel Geduld, ein wenig Geld für die ersten Kleinanzeigen und eine grössere Stadt in Deiner Umgebung. Melde Dich gleich zu Anfang bei BiNe, wir können Dir Tips und Ratschläge geben und Dich an Bi-Gruppen in anderen Städten weiterverweisen, von deren Erfahrungen Du profitieren kannst. Am besten Du packst die Sache zu zweit an und suchst Dir in Deinem Bekanntenkreis einen Mitstreiter oder eine Mitstreiterin. Gemeinsam macht das Organisieren mehr Spass und die Arbeit und die Startkosten verteilen sich auf zwei. Wenn es eine gemischtgeschlechtliche Gruppe werden soll, suchst Du Dir am besten ein bisexuelles Wesen des anderen Geschlechts. Es fällt den Neuankömmlingen leichter, in die Gruppe hineinzufinden, wenn sowohl eine Frau als auch ein Mann als Integrationsfiguren dabei sind.

Als nächstes benötigst Du einen Raum, wo die Gruppe sich treffen kann. Wenn Du einen Bi-Stammtisch gründen willst, reicht dazu ein Café oder eine Kneipe mit tolerantem Publikum. Sprich mit dem Wirt oder der Wirtin über Dein Anliegen und kläre ab, ob sie damit einverstanden sind, dass ihr Lokal als Treffpunkt des Bi-Stammtischs in Kleinanzeigen erwähnt wird. Wenn Du einen intensiveren Austausch anstrebst, als er in einer Kneipe möglich ist, musst Du Dich um eine geschlossenere und geschütztere Atmosphäre bemühen. Die meisten bestehenden Bi-Gruppen treffen sich in Schwulen- und Lesbenzentren, AIDS-Hilfe n oder Bürgerzentren, wenn es reine Frauen- oder Männergruppen sind, auch in Frauen- oder Männerzentren. Meist werden diese Organisationen ein offenes Ohr für Dein Anliegen haben, manchmal wirst Du jedoch auch ein wenig Überzeugungsarbeit leisten müssen. In der Regel brauchst Du für die Raumnutzung auch keine Miete zu bezahlen. Vereinbare einen oder, wenn Du so viel Zeit und Energie aufbringst, zwei feste Abende im Monat (zum Beispiel den 1. Freitag im Monat ab 20 Uhr wie in Berlin oder den 1. und 3. Montagabend im Monat wie in München und Köln).

Du hast jetzt einen oder zwei GruppenleiterInnen beisammen, einen Ort, wo Ihr Euch treffen könnt, und einen festen Tag und Termin. Jetzt fehlen Dir nur noch die Bisexuellen! Damit die Sache in Schwung kommt, musst Du ein wenig Arbeit reinstecken. Am besten Du verfährst mehrgleisig. Erstens: Entwirf einen Aufruf, den Du in den einschlägigen Kneipen, Buchläden, Begegnungszentren etc. am Schwarzen Brett aufhängst. Zweitens: Gib eine regelmässige verlockende Kleinanzeige im Gratisanzeiger und in den wichtigsten Stadtmagazinen auf. Drittens: Schick einen kopierfähigen Aufruf an BiNe nach Berlin; wir versenden ihn dann an alle uns bekannten Bisexuellen in Deiner Region weiter, damit sie mit Dir Kontakt aufnehmen oder zum ersten Treffen kommen können.

Manchmal ist es nützlich, als Kontaktmöglichkeit eine Telefonnummer anzugeben, damit Schüchterne und Zaghafte erst einmal vortasten können, bevor sie persönlich in der Gruppe auftauchen. Verzichte auf die Bekanntgabe Deines Nachnamens und Deiner Adresse in öffentlichen Anzeigen. Wenn Du Deine Privatnummer herausgibst, sei Dur bewußt, daß evtl. der eine oder andere Spinner anrufen könnte. Ein Anrufbeantworter ist in solchen Fällen Gold wert.

Ab jetzt kommt es vor allem auf Deine Geduld und Ausdauer an. Fritz Klein, ein Veteran der amerikanischen Bi-Bewegung sagte dazu in einem Interview mit BIJOU:

"Man darf die Flinte nicht zu früh ins Korn werfen, sondern muss abwarten, bis die Gruppe richtig läuft. Die Gruppe ist anfangs ein sehr labiles Gebilde: Die Leute kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen, manche wollen einfach nur Informationen haben, andere möchten eine gewisse Bestätigung für ihre Lebensweise bekommen.
Nicht alle kommen in die Gruppe, weil sie Teil der Gruppe sein möchten, und entsprechend gross ist die Anzahl derer, die wieder fernbleiben. Nimm mal an, Du hast eine Gruppe von zehn Leuten, die sich regelmässig treffen, und da kommt eine elfte Person zur Tür rein, schaut sich um, sieht bloss zehn Leutchen oder acht oder sechs, von denen ihr auf Anhieb niemand sympathisch ist, sei es, dass sie nicht das richtige Alter haben oder nicht der richtigen Schicht angehören oder nicht die richtige Bildung haben oder dass sie den Neuankömmling schief angucken oder nicht mit dem übereinstimmen, was er oder sie sagt - und es wird nicht lange dauern, bis er oder sie wegbleibt.
Andere Leute kommen der sozialen oder sexuellen Kontakte wegen in die Gruppe, und wenn sie nicht kriegen, was sie suchen, bleiben sie wieder weg. Aus all diesen Gründen muss der oder die Leiter/in oder Gründer/in einer Bi-Gruppe bereit sein, mindestens ein bis zwei Jahre zu investieren, und, komme was wolle, mit eiserner Regelmässigkeit die Sitzungen abhalten.
Nehmen wir an, Ihr trefft Euch am dritten Mittwoch des Monats, dann bedeutet das, dass Du einmal im Monat pünktlich am rechten Ort bist und das Treffen leitest und dass Du eure Zusammenkunft durch eine kleine Anzeige in der einschlägigen Presse - seien es heterosexuelle Zeitungen oder alternative Stadtmagazine oder schwule und lesbische Zeitschriften - bekannt machst. Manchmal dauert es ein bis zwei Jahre, bis ein Mensch, der die Anzeige schon fünf, sechs, sieben Mal gelesen hat, den Mut fasst, zu einem Treffen zu gehen. Aber irgendwann kommt für gewöhnlich ein kritischer Punkt, an dem genügend Leute zu den Treffen kommen, so dass auch Neuankömmlinge jemanden finden, den oder die sie mögen, und die Gruppe kriegt eine Eigendynamik und bleibt auch als solche bestehen.
Sowohl meine Erfahrungen in New York wie in San Diego haben mir gezeigt, dass die Treffen am Anfang unheimlich vorsichtig und unverbindlich sind und nur von sehr wenigen Leuten besucht werden. Es war nur dem Eifer und der Ausdauer der GruppenleiterInnen zu danken, dass daraus mit der Zeit eine Bi-Gruppe wurde.
Wichtig zu erwähnen ist ausserdem noch, dass die Gruppe tunlichst von einer Frau und einem Mann geleitet werden sollte, weil es dann zu einer ganz anderen Dynamik kommt, als wenn die Gruppe nur von einem Mann oder nur von einer Frau geleitet wird. Und der letzte Rat, den ich jemandem geben möchte, der in einer neuen Stadt eine Bi-Gruppe gründen will, lautet: Erkundige Dich nach den Erfahrungen von Leuten, die es schon Mal gemacht haben.
Nehmen wir an, Du sitzt in Dortmund und in Dortmund gab es noch nie eine Bi-Gruppe, dann solltest Du mit der BiNe oder mit der Kölner oder irgend einer anderen funktionierenden Gruppe Kontakt aufnehmen, damit Du nicht dieselben Fehler machst, die sie gemacht haben. Welchen Charakter die Gruppe letztendlich annimmt, hängt stark von den GruppenleiterInnen ab. Wenn die LeiterInnen eine Sexgruppe aufmachen wollen, dann wird die Gruppe auch als solche enden, weil sie nur Leute anziehen, die Sex haben wollen; wenn die GründerInnen anderen dabei helfen wollen, mit ihren Problemen fertig zu werden, dann wird eine Therapiegruppe daraus werden; wenn ihnen mehr am Geselligen liegt, dann entsteht eine bisexuelle Freizeitgruppe, und wenn sie vor allem politisch arbeiten wollen, dann wird sich die Gruppe vornehmlich politisch betätigen.
So kann es kommen, dass zwei oder drei verschiedene Gruppen gleichzeitig laufen. Was daraus wird, hängt weitgehend von den Leuten ab, die die Sache anzetteln, oder vielmehr von der Art der Energie, die in die Gruppe hineingesteckt wird."

Stammtische haben den Vor- und den Nachteil, dass sie relativ unverbindlich sind. Es fällt neuen InteressentInnen leichter, einfach einmal vorbeizuschauen, aber auch wieder wegzubleiben, wenn es ihnen nicht gefällt. Die Hemmschwelle, in eine Kneipe zu gehen, ist kleiner, als wenn man seinen Fuss in ein Schwulen- und Lesbenzentrum oder in eine AIDS-Hilfe setzen muss (Vergiß nicht, ein Schild auf den Tisch zu stellen, an dem man Euch erkennt, oder der Bedienung Bescheid zu geben!).
Gleichzeitig bleibt eine solche Runde immer unverbindlicher, und es fällt schwerer, über Dinge zu reden, die einem wirklich am Herzen liegen und einen beschäftigen. Es dauert länger, bis sich alle TeilnehmerInnen untereinander kennenlernen, weil es beinahe unmöglich ist, eine allgemeine Vorstellungsrunde durchzuführen und gemeinsam über ein bestimmtes Thema zu reden. Um so wichtiger ist es, dass Du Dich um die Neuankömmlinge kümmerst, sie nach ihren Bedürfnissen befragst und sie mit anderen Anwesenden bekannt machst.

Eine Bi-Gruppe im engeren Sinn bietet dagegen einen geschlosseneren und geschützteren Rahmen. Wie die Gruppe ihre Abende gestaltet, kann sehr verschieden aussehen und sich im Laufe der Zeit auch verändern. Manche Gruppen beschliessen an jedem Abend ein Thema, über das sie das nächste Mal gemeinsam diskutieren wollen; manche setzen sich mit Texten oder mit Filmen auseinander; manche stellen die persönlichen Erfahrungen ihrer Mitglieder in den Mittelpunkt; manche veranstalten Massageabende oder machen auch mal gemeinsam eine Disco unsicher.
Den gestalterischen Möglichkeiten sind fast keine Grenzen gesetzt. Immer wenn neue Menschen dazustossen, muss die Gruppe jedoch eine Integrationsleistung vollbringen. Ihr müsst Euch wechselseitig vorstellen und einander beschnuppern, um eine Vertrauensbasis herzustellen. Das kann diejenigen, die schon länger dabei sind frustrieren, weil sie das Gefühl bekommen, jedes Mal von vorn anfangen zu müssen. Der ständige Wechsel der Gruppenmitglieder lässt keine wirkliche Intimität und Vertrautheit aufkommen.
An diesem Punkt könnt Ihr Euch überlegen, ob Ihr die Gruppe nicht "schliessen" wollt, so dass keine "Neuen" mehr dazukommen. Wenn genügend Leute da sind, könnt Ihr zwei Abende im Monat anbieten - einen offenen für NeuinteressentInnen und einen geschlossenen für die alten oder regelmässigen TeilnehmerInnen - oder auch zwei verschiedene Gruppen aufmachen. Eine geschlossene Gruppe bringt meist nicht nur mehr Intimität, sondern auch mehr Verbindlichkeit mit sich. Die anderen werden es schätzen, wenn Du nicht einfach nur wegbleibst, sondern vorher telefonisch Bescheid gibst. Aber inzwischen werdet Ihr Euch ohnehin schon so gut kennen, dass das fast eine Selbstverständlichkeit ist.

Und nun viel Erfolg!

Robin Cackett

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