
Ich bin Vivian, Mitte 30 [Stand: ca. 1999, d. Setzer] und lebe in einem Dorf in der Pfalz.
Mit 12 Jahren habe ich das Küssen von einer Frau gelernt, allein diese Tatsache spielt für mich und meine Sexualität eine wichtige Rolle, denn schon damals habe ich das für mich als ganz normal empfunden. Auch später, so zwischen 14 und 16 Jahren, als ich meine ersten sexuellen Abenteuer mit Frauen und Männern hatte, hat mich das nicht verwundert, daß ich mich sowohl zu Frauen, als auch zu Männern hingezogen fühlte. Ich war und bin sehr neugierig und ein sinnlicher Mensch und konnte diese Begegnungen für mich gut stehenlassen ohne mich in meiner Sexualität definieren zu müssen. Erst mit 21 Jahren, als ich meinen späteren Mann als schwulen Mann kennenlernte, war ich erstaunt, daß sich Grenzen überschreiten lassen, denn mir war neu, daß schwule Männer durchaus sexuelle Beziehungen mit Frauen haben können. Durch dieses Erlebnis fing ich an über meine sexuelle Identifikation nachzudenken und als ich 1987 in einem Tagungshausprogramm von einem Selbsterfahrungsseminar für Bisexuelle las, löste in mir dieser Begriff Bisexualität ein Aha - Erlebnis aus. Natürlich habe ich diesen Workshop besucht und bin auf Gleichgesinnte, leider ausnahmslos Männer, gestoßen. Damals lebte ich noch in Berlin und beschloß mich bei meiner Rückkehr auf die Suche nach Bisexuellen zu begeben. Glücklicherweise fand ich recht bald eine Bi - Frauengruppe, in der ich mich 5 lange Jahre sehr gut aufgehoben fühlte (an dieser Stelle danke ich all diesen Frauen für diese schöne und intensive Zeit ).
Eine Liebesbeziehung habe ich seit 16 Jahren zu meinem Mann (der sich zwar lieber nicht, aber wenn's sein muß doch jetzt eher als bisexuell definieren würde) und seit 1 1/2 Jahren zu meiner, ebenfalls bisexuell lebenden, Liebsten. Ich habe das große Glück meine beiden Beziehungen und nebenbei auch ein paar andere Affären offen leben zu können, da sich meine Liebsten kennen und mögen und somit das Thema Eifersucht ziemlich außenvor liegt. Wichtig dabei ist, daß ich offen und ehrlich mit Allen umgehe und somit das, in mich gesetzte, Vertrauen nicht enttäusche. Manchmal ist das nicht leicht für mich, besonders, wenn ich in meine Peinlichkeiten gehe, aber doch die einzige Möglichkeit für uns Alle und letztendlich immer beglückend. Alles ist nur eine Frage der Organisation, das heißt wann kann ich wen für wie lange sehen. Ich fühle mich dabei überhaupt nicht hin - und - hergerissen, denn ich ernte viel Verständnis, Toleranz und Rücksichtnahme von meinen Liebsten. Auch mit meinem Sohn (13 Jahre alt ) lebe ich offen. Da er es nicht anders kennengelernt hat, geht er sehr selbstverständlich und offen mit den Menschen, die mir nahe sind um, ohne eifersüchtig zu sein oder Verlustängste zu haben. Er weiß von meiner Bisexualität und findet das eher normal.
Ich wünsche mir vor allem,daß ich dem Instinkt für mein Glück folge, das beinhaltet auch, daß ich immer wieder die Kraft finde meinen Teil dazuzutun, um mit meinen Liebsten so wohltuend vertraut, so offen gesehen, so sexuell erfüllt und so innig geliebt zu leben. Und das wünsche ich mir für all die Menschen, die mir weiterhin begegnen und näherkommen, und für all die Menschen, die sich das auch für sich wünschen.