Meine Geschichte: Thomas

1. Wer bin ich?

Photo von Thomas

Ich heiße Thomas, bin 1960 geboren und lebe als Journalist in Hamburg. 1995 gründete ich gemeinsam mit anderen den ersten Bi-Stammtisch in Frankfurt, wo ich damals gewohnt habe.

2. Wie habe ich meine Bisexualität entdeckt?

Es war ein wunderbares Erwachen an diesem Morgen Mitte der 70er, nach einem erotischen Traum von einem Schulkameraden. Es war etwas ganz anderes, tiefer gehendes als das gegenseitige Handanlegen mit anderen Jungs im Alter von zehn, elf Jahren. Nämlich die glücklich machende Gewissheit, auch Vertreter meines eigenen Geschlechts atttraktiv finden zu können. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht, im Gegenteil. Seit diesem Morgen fühle ich mich bereichert, und fast bedauere ich ein wenig alle monosexuellen Menschen. Was ihnen alles entgeht! Dumm nur, dass der Traum lange Zeit ein Traum blieb.

3. Wie lebe ich meine Bisexualität?

Als ich meine Bisexualität entdeckte, beherrschten dumpfe Klischees und derbe Männerwitze die Köpfe, wenn von Zärtlichkeit oder gar Sex zwischen Männern die Rede war. Die wenigen offen lebenden Schwulen in der ländlichen Gegend, in der ich groß wurde, entsprachen dem Tunten-Bild – das reizte mich nun überhaupt nicht. Und schon gar nicht die offenbar einzige Form, miteinander zu schlafen, nämlich mit Analverkehr. Ich hatte Angst. Kein Wunder: Männer hatte ich viele Jahre als körperlich und seelisch gewalttätig erlebt. Dass es auch anderes gibt, was viele noch viel mehr mögen, ahnte ich noch nicht. Auch von Bisexualität wusste ich nichts, fühlte mich keiner Gruppe zugehörig, da ich ja weder ausschließlich hetero noch schwul fühlte.

Trotzdem stand ich zu meiner Orientierung: gegenüber meinen Freundinnen, die sie akzeptierten, solange ich bloß davon sprach; gegenüber meinen nahen Freunden, die das ganze eher interessant und etwas exotisch fanden als abstoßend; und später auch gegenüber Kolleginnen und Kollegen, die nicht selten meinen Mut zur Offenheit bewunderten. Nach der Trennung am Ende einer langjährigen Beziehung fand ich Kontakt zum BiNe. Besuchte Bundestreffen, erlebte die Gemeinschaft mit Dutzenden anderen Bi's wie einen Kuraufenthalt im Garten Eden und fasste schließlich den Mut, auf Kontaktanzeigen bisexueller Männer oder Paare zu reagieren.

Für die erste Nacht mit einem Kerl musste ich mir – typisch Mann – ziemlichen Mut antrinken, aber das ließ sich bewerkstelligen. Auch wenn ich berauschendere Nächte erlebt habe, bereut habe ich diese Erfahrung keine Sekunde. Es war eine weitere Bestärkung meiner Haltung, und einige andere Männer folgten. Meiner Intuition vertrauend, nur das zu tun, was ich wirklich will, hatte ich nie unangenehme Erlebnisse, die meine früheren Befürchtungen bestätigt hätten. Außerdem war schneller, anonymer Sex nie meine Sache (es würde auch gar nicht gehen, so gut kenne ich mich). Sympathie und Vertrauen waren für mich immer die Voraussetzung.

Im Alter von 36 hatte ich für einige Monate erstmals beides – eine Geliebte und einen Geliebten, die natürlich voneinander wussten und damit auch keine Probleme hatten. Die (sehr) Geliebte gibt es als Lebenspartnerin nach wie vor in meinem Leben, den Geliebten nicht mehr. Seitdem habe ich vieles versucht, um einen festen Freund zu finden, mit eher mäßigem Erfolg und bislang ohne das Glück einer dauerhaften Beziehung. Dass meine Freundin mich dabei begleitet, sogar unterstützt, macht mich sehr froh.

Heute würde ich mich etwa zu drei Vierteln als heterosexuell bezeichnen, zu einem Viertel als schwul, wenn ich etwa danach gehe, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass mir eine Frau auf der Straße gefällt oder ein Mann. Ein Viertel Gleichgeschlechtlichkeit mag wenig erscheinen, trotzdem weiß ich, dass dieser Teil zu mir gehört und ich auch nicht mehr darauf verzichten möchte.

4. Welche Wünsche habe ich?

Das Klima gegenüber gleichgeschlechtlichen Neigungen ist in den vergangenen Jahren spürbar toleranter geworden, immerhin. Das rot-grüne Gesetz über die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ kam den Träumen vieler entgegen. Meine Fantasie sieht schon lange anders aus: Die Akzeptanz von Mehrfachbeziehungen und auch deren völlige Gleichstellung mit der Ehe (unabhängig von sexuellen Aktivitäten oder auch nur Bekenntnissen) als wirkliche Keimzelle einer solidarischen Gesellschaft – das würde ich gerne noch erleben.

Aktualisiert: 12/2006 Thomas
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