Meine Geschichte: Peter

1. Wer bin ich

Photo von Peter

Ich bin Peter (*1964) und lebe als allein erziehender Vater von 6 Kindern in Leverkusen.

2. Wie habe ich meine Bisexualität entdeckt

Als ich siebzehn Jahre alt war, hatte ich einen guten Freund, der im gleichen Betrieb wie ich eine Lehre machte. Während unserer täglichen, langen Busfahrten redeten wir ausgiebig über Frauen, Beziehungen und sexuelle Erfahrungen. Beim Thema Homosexualität kamen wir übereinstimmend zu der Auffassung, dass sich tausende von Schwulen ja nicht irren könnten und es auch an der Sexualität unter Männern interessante und „erfüllende“ Dinge geben müsste. In unserer Neugier und Experimentierfreudigkeit (die sich bei mir bis heute erhalten hat) machten wir ein Date aus, um männliche Sexualität auszuprobieren. Am Tag X war es schon eine merkwürdige Situation, wir legten uns gemeinsam ins Bett, streichelten uns etwas zögerlich und unbeholfen um kurze Zeit später ziemlich wild übereinander herzufallen. Über dieses erste Erlebnis entwickelte sich eine längere Beziehung, die sich lange als Freundschaft in leider sehr sporadischen, aber verbindenden Begegnungen fortgesetzt hat. Bei späteren Treffen erklärte mir dieser Freund, dass ich nicht sein erster Mann war.

Seit damals waren und sind für mich Begegnungen und Beziehungen nicht geschlechtsspezifisch, sondern in der Wahrnehmung des Gegenübers als Mensch wichtig. Das Geschlecht spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wobei natürlich Unterschiede in der Sexualität zwangsläufig gegeben sind.

3. Wie lebe ich meine Bisexualität

Ein weiterer Freund (schmerzliche Erinnerungen, er starb 1990 an AIDS) führte mich in den folgenden Jahren in die Schwulenszene Kölns ein. Schon nach kurzer Zeit war ich die kurzlebige und sexfixierte Subkultur leid. Einige Jahre versuchte ich, in meiner zu diesem Zeitpunkt schon bestehende Ehe halbwegs monogam zu leben. Mit meiner sich damals auch schon als bisexuell bezeichnenden Ehefrau, die mir in meinem Leben eine große Hilfe war, meine (und auch ihre) Beziehungsvorstellungen zu erleben, hatten wir einige Kontakte und Beziehungen zu Pärchen und Einzelpersonen. Leider kam die homoerotische Komponente dabei aufgrund der Berührungsängste der anderen Männer zu kurz.

Nach einem weiteren Versuchen, Mehrfachbeziehungen zu leben, begann ich mich 1990 für die Bi-Gruppe Köln zu engagieren; nach einigen Jahren kam zwangsläufig auch das Engagement für das Bisexuelle Netzwerk BiNe hinzu. Dort bin ich seit längerem Ansprechpartner für NRW und organisiere mit einigen anderen lieben Menschen bundesweite Bi-Treffen. Meine Arbeit bei Uferlos e. V. in Köln habe ich vor 4 Jahren aus persönlichen Gründen eingestellt. Gott sei Dank sind dort bis heute liebe und engagierte Menschen die den Verein weiterführen. Eine sehr erfüllte Zeit in meinem Leben war die Zeit der dauerhaften Dreiecksbeziehung zu meiner Frau und einem Mann. Nach der Trennung von meiner Frau (die Ehe scheiterte nach über 15 Jahren nicht am Beziehungsmodell, sondern an anderen Dingen) versuchte ich immer wieder Mehrfachbeziehungen (überwiegend mit Frauen) zu leben. Eine sehr lange und schöne gleichberechtigte Dreiecksbeziehung dauerte über vier Jahre.

Seit fast vier Jahren lebe ich, nach dem meine Ex-Frau eine Gehirnblutung hatte und zu einem Pflegefall geworden ist, als allein erziehender Vater mit fünf von meinen sechs Kindern zusammen. Zwischenzeitliche Versuche mein Leben mit einer Frau monogam zu leben scheiterten (vermutlich daran dass ich für einen Mensch mit all meinen Bedürfnissen zuviel bin). Derzeit führe ich einige mehr oder weniger intensive Beziehungen zu mir wichtigen und lieben Menschen beiderlei Geschlechts, über ganz Deutschland verstreut.

4. Welche Wünsche habe ich

Für meine Familie und die Menschen die mir wichtig sind, wünsche ich mir, dass alle gesund sind oder bleiben. Gesundheit wird oft als „normal“ oder gegeben empfunden. Ich weiß (aus schmerzhaften Erfahrungen) wie wichtig und kostbar sie ist und dass sie, wie Liebe, eins der kostbarsten Dinge auf der Welt sind, die mensch sich nicht kaufen kann.

Für meine Kinder und mein Enkelkind wünsche ich mir, dass sie aufrechte, ehrliche und tolerante Menschen bleiben und konsequent und mit Glück Ihren Weg gehen.

In meinem Engagement für die noch in den Kinderfüßen steckenden bisexuelle Community arbeite ich daran, dass Bisexualität (und Mehrfachbeziehungen) – ähnlich wie auch vor einigen Jahren (Jahrzehnten) Homosexualität – von der Gesellschaft (wer auch immer das ist) als eine Art zu leben anerkannt, akzeptiert und toleriert wird. Wichtig dabei ist mir, nicht einfach eine neue Schublade aufzumachen, sondern alle Schubladen aufzulösen und den Menschen in den Vordergrund zu stellen, mit all seinen Variationen. Das heißt, Menschen – wen und wie viele auch immer – zu lieben.

Damit sollte jeder Mensch in seinem Umfeld (Familie, Arbeit und Freundeskreis) offen umgehen können, ohne Ausgrenzungen oder Nachteile zu erfahren. Gott sei Dank ist mir dies aufgrund meines Umfeldes möglich. Wichtig ist mir auch, das herkömmliche Beziehungsmodell in Frage zu stellen. Eifersucht und „Haben und Halten"-Mentalität ist nicht die geeignete Form, um unter Liebenden miteinander umzugehen. Wohlgemerkt, damit will ich nicht grundsätzlich monogame Beziehungen in Frage stellen. Aber die Auseinandersetzung mit den Wünschen der PartnerInnen ist das Wichtigste in einer Beziehung, und reden, reden, reden (im Sinne von auf die PartnerInnen eingehen), Kompromisse schließen, zurückstecken, aber auch einfordern. Ob Mann oder Frau, ob monogam, bigam oder polygam spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Aktualisiert: 12/2006
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