Mein Name ist Jürgen. Ich bin Jahrgang '47 und lebe in Berlin. Ich war fast 3 Jahre im Vorstand des BISEXUELLEN NETZWERKS - BiNe e.V. und leite jetzt das Zentrum für bisexuelle Lebensweisen - zBI - in Berlin. Für mich ist also meine Bisexualität ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens.
Entdeckt habe ich meine Vorliebe für die zweiseitige Liebe als ich ungefähr 25 war. Ich lebte in meiner Studentenzeit in einer Wohngemeinschaft. Es waren die wilden Jahre der Spät-68-er. Beim Gruppensex bin ich an einen Mann geraten und fand es wunderbar aufregend. Ich habe in meinem Leben sicherlich mehr mit Frauen gelebt, aber die Männer wurden mir auch ganz wichtig.
Natürlich gab es auf diesem Weg eine Menge Konflikte. Aber ich habe daraus gelernt. Zum Beispiel auch wie man seinen eigenen Weg findet. Dabei mußte ich mich gegen viele Vorurteile durchsetzen. Erst wollten mir die heterosexuellen Therapeuten meine Homosexualität als Unreife ausreden. Dann haben die homosexuellen Therapeuten versucht, mir meine Heterosexualität als bürgerliches Deckmäntelchen zu vermiesen. Ich habe dann selber einige Therapie-Ausbildungen gemacht, um herauszufinden, wer ich wirklich bin. Jetzt weiß ich es. Und habe mir zur Aufgabe gemacht, anderen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden.
Nach meiner Erfahrung ist es wirklich eine Unterstützung und Erleichterung, wenn man mit anderen Bisexuellen zusammensein kann, wenn man sich nicht dauernd dafür rechtfertigen muß, daß die gängigen Schubladen in den Köpfen der anderen auf mich nicht so recht passen. Was mich lange Zeit genervt hat, waren die Vereinnahmungsversuche meiner ,,monosexuellen`` Partner. Die Erpressungsversuche, daß ich mich doch entscheiden müßte, wo ich hingehöre. Ich habe das Hin-und-her-gerissen-sein zwischen Mann und Frau oft als Spagat der Gefühle erlebt. Bis ich mir gestattet habe, daß ich alles beides haben darf! Ich habe mich verabschiedet vom Monogamie-Gebot. Weil ich erkannt habe, daß ich selbstverständlich mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann. Selbstverständlich lebe ich nun auch bisexuell. Also mit mehreren Partnern. Ich habe zusammen mit mehreren Frauen und Männern, die auch so frei leben wollen, eine kleine Gruppe gegründet, die wir liebevoll als unsere ,,Familie`` bezeichnen. Wir versuchen zusammen eine andere Art von Partnerschaft und Liebe zu leben, als es die traditionelle Zweierbeziehung oder die Kleinfamilie vorsieht. Das ist eigentlich ganz einfach! Wir haben dabei spezielle Strategien entwickelt, wie man mit den Gefühlen und evtl. auftretenden Konflikten umgehen kann. Mit Eifersucht, mit Verlustängsten, mit Neid oder der Angst vor Einsamkeit.
Es ist mir und meinen Partner(n/innen) ein wichtiges Anliegen, anderen Bisexuellen und ihren Partner(n/innen) eine Unterstützung anzubieten, damit die bestehenden Partnerschaften nicht an diesem Thema zerbrechen, bzw. es für zukünftige Partnerschaften überhaupt nicht zu Konflikten führen kann.