Meine Geschichte: Helga

1. Wer bin ich

Photo von Helga
Helga

Ich heiße Helga und wurde 1959 in St. Ingbert im Saarland geboren, wo ich noch heute lebe. Bei dem Versuch, "meine Geschichte" zu meiner Bisexualität zu schreiben, komme ich von Anfang an in Stocken. Wann begann alles? Im Nachhinein gab es vielleicht viele Anzeichen, dass meine Beziehungen zu meinen Freundinnen "anders" waren als die der anderen Mädchen.

Zuerst jedoch durchlief ich die klassische heterosexuelle Sozialisation wie alle anderen um mich herum. Kleine Freundschaften mit Jungs, dann mit 17 den festen Freund", der dann auch Vater meiner Wunschkinder wurde, die 1982 (Zwillinge, 2 Jungs) und 1985 (meine Tochter) geboren wurden. Heirat schließlich und dann 1987 die Trennung von meinem Ehemann.

2. Wie habe ich meine Bisexualität entdeckt

Es war wohl diese von mir gewählte Trennung, die mein Leben in andere Bahnen lenkte. Der erste große Pusch in Richtung Frauenbeziehungen ereignete sich ebenfalls 1988, als ich, in völliger Unkenntnis, was mich erwarten sollte, einen Kurs im Frauenlandhaus Charlottenberg zum Thema "Tantra für Frauen" mitmachte. Zum erstenmal drang ich in die Welt lesbischer Frauenkultur ein. Ich, die bis dahin in geordneten Bahnen sich bewegende Hetera, traf auf nichts als Lesben. Lesben, die das Haus organisierten, Lesben, die an dem Kurs teilnahmen, eine Lesbe als Kursleiterin, und dann "Tantra". In den ersten Tagen fühlte ich mich völlig ausgegrenzt, hatte riesige Ängste und wollte wieder nach Hause fahren. Auf einmal war ich diejenige, die "andersherum" geartet war. Ich blieb. Setzte mich der Fremdheit und meinen Ängsten aus und begann mich langsam zu öffnen. Nach einer Woche körperlichem, lebendigem, sinnlichem und lustvollem Zusammensein mit den anderen Frauen war meine Angst vor "Lesben" dahin, und zwar gründlich. Übrig blieb eine neue, tief sitzende Sehnsucht nach "Frau". Es dauerte dann noch drei Jahre, bis ich meine erste sexuelle Begegnung mit einer Frau hatte und noch einmal ein Jahr, bis ich die erste Beziehung zu einer Frau einging.

3. Wie lebe ich meine Bisexualität

Ich bin nie ins Schleudern gekommen, ob ich nicht vielleicht doch lesbisch bin. Als ich zum erstenmal mit einer Frau auch sexuell zusammen war, hatte ich vielmehr das Gefühl, als ob sich mir die andere Hälfte des Himmels auftäte, von der ich bisher nur geahnt hatte, dass es sie gibt. Gleichzeitig, oder mit diesem Gefühl des "ganzen Himmels" verbunden, brach in mir auch das Diktat der Monogamie auf. Der Wunsch nach Mehrfachbeziehungen gewann immer größeren Raum in mir. Seit Frühling 2000 bin ich rituell verheiratet. Für meinen Mann ist meine Bisexualität keine Bedrohung, eher eine Möglichkeit eigene homoerotische Anteile und Sehnsüchte nach Mehrfachbeziehungen auszulosen.

Zur Zeit bin ich sehr glücklich damit und habe das Gefühl nach wilden Jahren, in denen ich mich zutiefst mit meinen Ängsten, meiner Eifersucht, dem Ins-Leben-Bringen meiner Sehnsüchte auseinander setzen musste, in einer Lebens- und Liebesform heimisch geworden zu sein, die mir entspricht. In meinem Leben hat vieles Platz gefunden: Beziehungen, die nach einer sexuellen Affaire dann doch lieber als herzliche Freundschaften weiterwachsen wollten, herzliche Freundschaften, in denen nach vielen Jahren auch Sexualität Bedeutung gewann (und sich vielleicht auch wieder verabschiedete), tiefe Partnerinnenschaft usw.

4. Was wünsche ich mir?

Wichtig ist mir die Begegnung und das In-Beziehung-Treten zu Menschen. In Beziehung sein heißt für mich in geistigen, spirituellen, emotionalen, körperlichen und vielleicht auch sexuellen Kontakt kommen und bleiben; jeder Beziehung ihren eigenen Raum zum Reifen und Gedeihen zu lassen und wach dafür bleiben, wohin sie wachsen möchte und welche Anteile zur Zeit gerade gelebt werden wollen.

Helga

Persönliche Einstellungen (nur für grafische Browser relevant)   Wie geht das?