FAQ

Bi-FAQ 

Fragen und Antworten zum Thema Bisexualität

Diese Fragen und Antworten sind noch im Aufbau und können von allen, die sich daran beteiligen wollen, mitgestaltet werden. Näheres dazu findet ihr unten.

Neu: Seit dem 05.11.2012 gibt es einen Eintrag zur Frage: Was ist „Biphobie"?

Fragen

Antworten

Vorbemerkung:

Dieser Text ist ein „Frequently Asked Questions“, abgekürzt FAQ, auf deutsch „Häufig gestellte Fragen“, zu allen Aspekten der Bisexualität. Er soll der LeserIn Informationen, Hilfestellung und Anregungen zum Weiterdenken und Weiterforschen, -surfen… bieten.

In den BiNe-Diskussionsforen geben eine große Anzahl freiwilliger Helfer aus den Reihen der Leser tagtäglich Antworten auf die Fragen, die Benutzer stellen und die für die Fragesteller oft von großer existentieller Bedeutung sind.

Diese Fragen im Forum, aber auch aus unzähligen Gesprächen in den lokalen Bi-Gruppen und -Stammtischen, auf Bi-Treffen, auf CSDs, in Presse und Literatur sind die Quelle für Fragestellungen und Antworten auf dieser Seite.

Dieser Text ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung des „beginners guide to bisexuality“ der Newsgroup soc.bi.

Der Text in der jetzigen Fassung ist kein fertiges und abgeschlossenes Werk. Er soll vielmehr von allen, die das wollen, weiterentwickelt, vermehrt und verfeinert werden. Deshalb stehen hier mit Absicht auch offene Fragen, zu denen die Antworten noch nicht geschrieben sind. Wenn es zu einzelnen Punkten verschiedene Meinungen gibt, die verschiedene Fassungen von Antworten verlangen, können auch durchaus diese verschiedenen Fassungen im Text stehenbleiben.

Vorschläge, Kritik, Meinungen, Verbesserungswünsche können in einem eigenen Diskussionsforum eingebracht werden.

1. Was heißt „bisexuell"?

„bi“ steht für zwei, und „sexuell“ für sexuell, ach ja! Wenn jemand sich als „bisexuell“ bezeichnet, meint SieEr im Allgemeinen, daß; sie sich von Menschen beiderlei Geschlechts, engl. „sex“ oder „gender“ angezogen fühlt. Dabei ist sex das Geschlecht im biologischen Sinne, gender das soziale Geschlecht, also Frau und Mann als Ergebnis der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Menschen.

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1.1 Warum heißt es nicht „bi-erotisch“ oder „bi-emotional“ oder … ?

Alle diese Bezeichnungen könnten die richtige Bezeichnung sein – manche Menschen bevorzugen die eine oder die andere, nennen sich „bi-erotisch“ oder „bi-emotional“ ("biphil“ hat noch niemand vorgeschlagen, das klingt auch eher wie ein Doktorgrad).

Wer wollte darüber entscheiden, den Anderen vorschreiben, wie sie sich selbst bezeichnen? „bisexuell“ ist wohl im Augenblick die am weitesten verbreitete Bezeichnung.

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2. Also: Was ist Bisexualität?

Bisexualität bedeutet, von Menschen von mehr als einem Geschlecht sexuell oder liebevoll angezogen zu werden oder entsprechendes Verhalten ihnen gegenüber.

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3. Was ist „eine oder ein Bisexuelle(r)"?

Eine strenge Definition eines oder einer Bisexuellen wäre jemand, der liebevolle und/oder sexuelle Beziehungen mit anderen Menschen von mehr als einem Geschlecht unterhält (nicht notwendigerweise zur gleichen Zeit s. Frage 9).

Da aber nicht jedermannfrau Gelegenheit hatte, seine sexuellen/liebevollen Bedürfnisse auszuleben, würden manche eine weitere Definition bevorzugen, zum Beispiel, daß ein Bisexueller ein Mensch ist, der nach seiner eigenen Einschätzung in sich das Potential zu einer solchen Neigung spürt. Das kann jeder sein, der erotische, zärtliche oder liebevolle Gefühle für, Phantasien über und/oder Erfahrungen mit sowohl mit Frauen als auch mit Männern hat.

Ein Bisexueller kann mehr von einem als von dem anderen Geschlecht angezogen werden, von beiden gleichermaßen, oder sie/er findet das Geschlecht des Anderen unwichtig (siehe Frage 8). Die Stärke ihrer Neigung zu Männern und Frauen kann sich dabei mit der Zeit ändern.

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4. Gibt es einen Unterschied zwischen „eine oder ein Bisexuelle(r)“ und „bisexuell"?

Ja. Definitionen für „eine oder ein Bisexuelle(r)“ wurden oben vorgeschlagen – alle bezogen auf Neigung und Verhalten. „Bisexuell“ (und die Kurzform „bi“ ) wird manchmal als ein Adjektiv zur Beschreibung einer bisexuellen Person benutzt.

Aber viele Menschen, die bisexuelles Verhalten zeigen, betrachten oder identifizieren sich nicht als bisexuell, und andere Menschen betrachten oder identifizieren sich als bisexuell aus anderen Gründen als in der engen Definition von Frage 2 vorgeschlagen wurde. In anderen Worten, bisexuelle Identität und bisexuelles Verhalten sind nicht notwendigerweise dasselbe. Das Wort „bisexuell“ wird hier also auf zwei verschiedene Arten benutzt.

Einige meinen, wenn das Wort „bisexuell“ irgendeine Bedeutung haben soll, dann muß es eine strenge Definition haben: daß es bedeutet, jemand zeige bisexuelles Verhalten, oder sie/er habe wenigstens die Fähigkeit dazu. Andere finden es wichtiger, die Selbst-Definition der Menschen zu respektieren, wie auch immer diese lautet.

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5. Was bedeutet die Definition des Begriffs „Bisexualität"?

Die Definition eines Begriffs wird von Menschen aufgestellt, die diesen Begriff in einer bestimmten Weise benutzten wollen. Ein Wort wird dabei mit einer Erklärung für dieses Wort verknüpft. Einige Definitionen von „bisexuell“, „Bisexuelle(r)“, „Bisexualität“ wurden oben schon angesprochen.

Je nach der Definition dieser Begriffe werden andere Personen davon mehr oder weniger betroffen. Definiert man bisexuell sehr eng, so gibt es kaum Bisexuelle, sehr weit, so kann fast jeder gemeint sein s. Frage 17. Eine „richtige“ Definition kann es nicht geben, wenn der Diskurs unter Menschen frei und lebendig ist und jeder so sprechen kann, wie es ihm beliebt. Nur Aussagen können richtig und falsch sein, nicht Definitionen.

Die Auswahl der Worte ist nicht gleichgültig, sondern sie beeinflußt, über was und wie gesprochen wird.

Da das Wort „bisexuell“ auf verschiedene Weise benutzt werden kann, genügt es, im Interesse einer klaren Verständigung, diese Tatsache im Kopf zu behalten und klar zu stellen, wie DU das Wort benutzt.

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6. Bin ich dann bisexuell, wenn ich nie mit einem Mitglied des gleichen Geschlechts/Mitglied des anderen Geschlechts geschlafen habe, aber mich zu einem hingezogen fühle?

Kannst du es sein? Sicher. Bist du es? Das mußt du entscheiden, niemand kann diese Entscheidung für dich treffen und niemand hat das Recht, diese Entscheidung für dich zu treffen. Bisexualität befasst sich nicht damit, mit wem du schläfst, sondern wie du fühlst. Deshalb ist es eine gute Daumenregel für die Definition deiner sexuellen Identität, nicht danach zu gehen, was du getan hast, sondern was du tun möchtest.

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7. Stecken Bisexuelle nicht einfach in einer Phase der Verwirrung über ihre Sexualität?

Die einfache Antwort ist „nein“ oder zumindest „nicht notwendigerweise“ – viele von uns sind sich absolut sicher, daß wir von beiden Geschlechtern angezogen werden, da gibt es keine Verwirrung. Viele Menschen sind ihr Leben lang bisexuell, das beweist, daß es sich nicht immer nur um eine Phase handelt.

Menschen werden leicht verwirrt, wenn sie zu einer Sexualität finden, welche nicht der Norm der Gesellschaft entspricht. Für manche Menschen ist Bisexualität eine Phase zwischen Homosexualität und Heterosexualität (und das betreffende Individuum könnte dabei in jeder der beiden Richtungen gehen), für andere kann es gerade einmal ein kurzes Ausprobieren sein. Aber für viele Menschen ist Bisexualität eine lebenslange, bindende sexuelle Orientierung.

Und auch für die, die letztlich nicht lebenslang bisexuell bleiben, macht es das nicht zu einer weniger gültigen sexuellen Orientierung. Viele Menschen haben berichtet, daß sich ihre sexuelle Orientierung mit der Zeit verändert habe. Sexualität ist dynamisch, nicht starr. Für manche Menschen mag es eine geringe Verschiebung sein, für andere ein grosse Änderung ihres Lebensstils, aber das macht die Phasen dazwischen nicht „falsch“ in irgendeinem Sinne. Leben ist ein kontinuierlicher Prozess und wenige von uns bleiben über längere Zeit vollkommen unverändert.

Einige, die sich bisexuell verhalten (die im Laufe der Zeit mit einem Mitglied des gleichen Geschlechts als auch mit einem Mitglied des anderen Geschlechts Sex haben) identifizieren sich als schwul oder lesbisch oder heterosexuell. Auch das bedeutet nicht, daß sie verwirrt sind, sondern nur, daß sie ihre Identität, wie oben gesagt, selbst und autonom festlegen. Eine Identität kann einem Menschen auch durch andere Menschen zugeschrieben werden aufgrund von Merkmalen, die diese meinen zu sehen. Wenn wir die Identität, die ein Mensch für sich selbst schafft, nicht als wichtiger nehmen, als das, was Andere ihm zuschreiben, verweigern wir ihm seine Würde als eigener Mensch.

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8. Verleugnen nicht Bisexuelle in Wirklichkeit ihre Homosexualität?

Für manche lesbisch/schwulen Menschen ist es schwierig, mit ihrer Homosexualität ins Reine zu kommen und für einige Zeit kann es das Leben ein bisschen „normaler“ und erträglicher machen, mit einem Mitglied des anderen Geschlechts zu gehen. Sehen wir der Sache ins Gesicht: aus dem Verborgenen herauskommen und als Homosexueller leben ist kein Zuckerschlecken. Zwischen der [gesellschaftlich] sanktionierten Diskriminierung die gay/bi Männner als eine vermutliche Hochrisikogruppe für AIDS erfahren und den sozialen Standards von Liebe, Werbung und Ehe verlangt schwul zu sein unter Umständen mehr Energie, als man gerechterweise verlangen kann.

Aber bisexuelles Coming Out ist auch keine leichte Sache. Einige Bisexuelle stehen ihren Lieben gegenüber, die sich in der Vergangenheit darauf verlassen haben, daß ihre Zuneigung zu ihnen beständig ist und denen sie versichern müssen, daß sie das auch in Zukunft sein wird. Wir haben auch oft mit Hetero-Freunden zu tun, die uns versichern, daß unsere Zuneigung zu einem Mitglied des gleichen Geschlechts nur „ein Weg zur Vermeidung von Intimität“ sei, oder schwulen Freunden, die uns nahelegen, unsere Zuneigung zu einem Mitglied des anderen Geschlechts sei „internalisierte Homophobie“. In jedem Fall, ob ein Bisexueller gerade mit einem Mitglied des gleichen Geschlechts verbunden ist oder nicht, für die meisten in der Hetero-Welt ist der, der sich als bi bekennt queer, „Einer von denen“ und wird auf dieser Basis diskrimiert und ausgeschlossen. Deshalb ist bi sein kein „leichter Ausweg“, keine „Verleugnung“ oder ein „mittlerer Weg“. Für manche Menschen ist es die härteste Entscheidung, die sie jemals treffen.

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9. Werden Bisexuelle von beiden Geschlechtern gleichermassen angezogen?

Viele Bisexuelle fühlen, daß sie ein Geschlecht im Vergleich zum anderen vorziehen, aber sie verleugnen nicht ihre Zuneigung für dieses andere Geschlecht.

Einige Bisexuelle haben aber keine solche Präferenz und konzentrieren stattdessen ihr Begehren auf Eigenschaften, die sie in einem Individuum sehen, unabhängig von dessen Geschlecht. Manchmal sind diese Eigenschaften sexueller Natur, manchmal nicht. Zum Beispiel finden manche Männer als Männer attraktiv und Frauen als Frauen, andere finden das Geschlecht der Menschen irrelevant.

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10. Müssen Bisexuelle Liebhaber beiderlei Geschlechts haben, um bisexuell zu sein?

Nein. Menschen, die sich als bisexuell bezeichnen, sagen, daß sie sich sowohl zu Männern wie auch zu Frauen hingezogen fühlen. Sie müssen nicht notwendigerweise diese Anziehung ausleben, genausowenig wie hetero- oder homosexuelle Menschen ihrer Neigung zu Menschen des gleichen Geschlechts wie ihr Partner nachgehen müssen.

Es gibt eine besondere Newsgroup alt.polyamory und Websites, zum Beispiel www.selbsterweiterung.net/Polyamory.html, zur Diskussion der Fragen, die sich auf die Dynamik von Mehrfachbeziehungen beziehen (ob Bisexuelle dabei beteiligt sind oder nicht).

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11. Sind Bisexuelle zur Monogamie fähig?

Ja, einige sind es. Es hängt vom Einzelnen ab. Es ist ähnlich, als wenn man fragt: „Kann eine Hetero-Person monogam sein?“ Einige Bisexuelle sind monogam und andere sind es nicht. Monogamie ist die gesellschaftlich sanktionierte Form für Beziehungen, aber eine solche gesellschaftlich sanktionierte Form ist auch die Heterosexualtiät. Es sollte jedem Individuum, mit jeder Sexualität, freistehen, zu wählen, welcher Lebensstil richtig für sie ist.

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12. Aber, wenn sie monogam sind, wie können sie bisexuell sein?

Ein Bisexueller, der sich entscheidet, monogam zu sein, entscheidet sich nicht, „schwul“ oder „hetero“ zu sein. Er/sie ist immer noch bisexuell, er/sie hat einen Menschen gewählt, mit der er sein oder ihr Leben gemeinsam leben will, nicht eine Orientierung, Präferenz oder Ideologie. Es ist wichtig, anzuerkennen, daß er/sie bisexuell fühlt.

Einige Menschen betrachten sich als bisexuell, obwohl sie mit demselben Partner ein Leben lang zusammenleben. Der Partner ist vom gleichen Geschlecht oder vom anderen – aber es hätte genauso gut auch umgekehrt sein können (Partner vom gleichen Geschlecht statt vom anderen bzw. Partner vom anderen Geschlecht statt vom gleichen) – es hing nur davon ab, welche zwei Menschen sich zusammengefunden haben, die Kombination der Geschlechter ist dann sozusagen Zufall.

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13. Warum denkt ihr, daß Bi-Fragen von Gay-Fragen verschieden sind, wenn doch alle unsere Probleme dieselbe Ursache, Homophobie, haben?

Obwohl Homophobie ein Problem für Bisexuelle ist (viele würden sagen, das größte Problem), haben wir auch noch Probleme, die sich von denen der Gay Community unterscheiden. Was am meisten ins Auge fällt, sind die Vorurteile aus der Gay Community selbst!

Unter unseren anderen Problemen gibt es das des Umgehens mit den Gefühlen von Partnern, die wir zutiefst lieben und die trotzdem unsere Neigung zu beiden Geschlechtern nicht verstehen können. Und es gibt das Problem, als Bisexuelle akzeptiert zu werden, wenn wir nur einen Partner haben. Dazu haben wir mit einem Haufen Mythen rund um die Bisexualität zu kämpfen. (siehe auch Frage 36)

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14. Warum würden Lesben/Schwule Männer Bisexuelle diskriminieren?

Ein Grund ist, daß wir manchmal als „versteckt“ angesehen werden. Manche meinen, daß manche Bisexuelle ihre Bisexualität benutzen, um am Arbeitsplatz oder in hetero Umgebungen das „heterosexuelle Privileg“ zu geniessen, das ein Teil der gesellschaftlichen Norm ist. Ein zweiter Grund ist, daß Bisexuelle manchmal als Personen gesehen werden, die die Grenzlinien unscharf werden lassen und die schwul/lesbische Bewegung schwächen. Natürlich widersprechen bisexuelle Aktivisten dieser Sicht (wir meinen, daß die wirkliche Frage sexuelle Freiheit für alle Sexualitäten ist), aber manchmal nennen Lesben und Schwule Bisexuelle deswegen „Verräter“. Ein weiterer Grund ist, daß manchmal Lesben und schwule Männer auch Sex mit einem Mitglied des anderen Geschlechts haben (ohne sich als bisexuell zu identifizieren). Oft hindert sie Gruppendruck daran, das in den lesbischen und schwulen Communities zuzugeben und sie sehen Bisexualität als eine Bedrohung ihres eigenen Akzeptiertwerdens. Und schliesslich gibt es einfach die Angst, die aus Unwissenheit erwächst und aus der Informations-"Leistung“ der Massenmedien, die Bisexuelle als Serienmörder, Homophobe und allgemein selbst-zentrierte, verwirrte Menschen darstellen. (siehe auch Frage 36).

Die lesbischen und schwulen Communities werden durch Homophobie und Vorurteil unterdrückt, aber leider ist unterdrückt zu werden keine Garantie dagegen, daß du nicht andere unterdrückst. Zum Glück scheinen sich die Vorurteile gegenüber Bisexuellen in den lesbischen und schwulen Communities mit der Zeit zu verringern, weil die Menschen allmählich akzeptieren, daß Sexualität keine einfarbige Angelegenheit ist.

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15. Warum könnt ihr nicht einfach ein Geschlecht dem anderen vorziehen?

Einige von uns haben es versucht, aber warum sollten wir das tun? Verleugnung unserer Neigung zu einem Geschlecht oder dem anderen verletzt uns. Wenn du diese Frage in aller Unschuld stellst (du fühlst diese Neigung nicht, warum also irgend jemand sonst?), dann verlangst du von uns, Gefühle vom Tisch zu wischen, ohne die wir nicht leben können und wollen. Wenn du diese Frage im vollen Bewusstsein der Probleme stellst, die daran hängen, dann ist diese Frage so kraß aggressiv wie die eines weißen Rassisten, der verlangt, eine Rasse einer anderen vorzuziehen.

Warum soll jemand sich festlegen, wenn sie/er sich auch die Auswahl von Handlungsmöglichkeiten offenhalten kann? Manchmal macht es ja das eigene Leben etwas einfacher, simpler, wenn man seine Auswahl vorübergehend einschränkt, aber auf Dauer? Willst du dich wirklich entscheiden müssen, ob du Äpfel oder Birnen ißt, Nudeln oder Reis, Fleisch oder Fisch? Willst du immer nur blaue Kleidung tragen (müssen)? Ist es wirklich wichtig für dich, daß du immer mit dem rechten Fuß zuerst aufstehst? Hast du sonst keine Probleme?

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16. Gibt es Bisexualität?

Warum fragt man nicht: Gibt es Homosexualität?

Wieso ist das eine fraglich, und das andere selbstverständlich?

Die Antwort liegt in der Entwicklungsgeschichte des Denkens über Sexualität. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es keine „Sexualitäten“ sondern nur sexuelle Begierden und Handlungen und die wurden je nach Zeit und Ort entweder verfolgt oder offen toleriert oder stillschweigend hingenommen.

Ein Teil derjenigen, die Homosexualität verständnislos gegenüberstehen, können eher verstehen, daß „eben einige Menschen andere Menschen des gleichen Geschlechts lieben und andere nicht und damit punktum“. Daß es auch noch Bisexuelle geben soll, erscheint ihnen als zu kompliziert und als Zumutung.

Für viele konservative Menschen ist es aber auch so selbstverständlich, daß ein Mann Frauen begehrt, daß sie seine Liebe zu Männern nur als etwas Zusätzliches sehen können. Klar, er ist ja ein Mann, also mag er (auch) Frauen.

Die Geschichte des Emanzipationskampfes der Homosexuellen führte dazu, daß klare Fronten entstanden „wir hier und ihr dort“ – eben weil es ein Kampf war. Auch aus den politischen Kämpfen des letzten Jahrhunderts ist es uns vertraut, daß „Abweichler“, „Zentristen“, „Kompromißler“ usw. bei vielen der aktiven Kämpfer und Parteigänger nicht gern gesehen sind.

War es nicht schon eine Zumutung, daß Kulturen der traditionellen Männlichkeit bis hin zum „Machismo“ durch die Existenz der Schwulen in Gefahr gebracht werden, nun wird es auch noch komplizierter durch die Bisexuellen, die vielleicht noch besser getarnt mitten unter uns leben – vielleicht erkennen wir sie nicht einmal! Jede, jeder könnte so einer sein!

Es entstanden wissenschaftliche Theorien und Ideologien – wobei das Eine vom Anderen nicht unbedingt leicht zu trennen ist – die noch nicht reif genug waren oder sind, die Existenz der Bisexualität voll anzuerkennen.

Nachdem sich in großen Teilen der Welt mit einer „modernen“ Gesellschaftsordnung und Kultur die Anerkennung der Homosexualität durchsetzt, liegt es an uns, das Verständnis auszubreiten, daß die Liebe zum gleichen Geschlecht nicht irgendeine weitere Kuriosität ist, sondern eine von unendlich vielen Varianten menschlichen Lebens, hier auf dem Gebiet der erotischen Beziehungen zwischen zwei oder mehr Menschen.

Vielleicht sind wir jetzt nur noch einen Schritt von der echten Toleranz entfernt

– jeden Menschen so leben zu lassen, wie er will, so lange er keine anderen Menschen dabei schädigt

– ganz unabhängig davon, ob wir seine Handlungsweise verstehen oder nicht.

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17. Wie viele Bisexuelle gibt es?

Der Prozentsatz der Bisexuellen in der Gesamtbev?kerung liegt zwischen 0% und 100%, je nachdem, wie man Bisexualität definiert.

0% der Menschen sind bisexuell, wenn man verlangt, daß unsere MenschIn zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens exakt die Mitte hält zwischen der homo- und der hetero-Seite ihres Lebens :-).

100% der Menschen sind bisexuell, wenn ein Mensch bisexuell ist, wenn er auch nur eine Sekunde lang offen war für eine weiche, sagen wir einmal, auch erotische Empfindung gegenber dem „zweiten Geschlecht“ (also für Homos hetero und für Heteros homo) :-).

Dazwischen gibt es die verschiedensten Ergebnisse verschiedener Statistiken, die auf verschiedenen Methoden aufbauen.

Die ersten Befragungen führte das Kinsey-Team durch.

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18. Was ist die Kinsey-Skala?

Dr. Alfred Kinsey schuf eine Skala von Abstufungen zwischen Heterosexualität und Homosexualität, um Individuen nach tatsächlichen Erfahrungen und psychologischen Reaktionen einzustufen.

Die Abstufungen der Kinsey-Skala:

0 vollkommen heterosexuell
1 vorherrschend heterosexuell, nur gelegentlich homosexuell
2 vorherrschend heterosexuell, aber mit einer wesentlichen homosexuellen Geschichte
3 gleichermaßen heterosexuell und homosexuell
4 vorherrschend homosexuell, aber mit einer wesentlichen heterosexuellen Geschichte
5 vorherrschend homosexuell, nur gelegentlich heterosexuell
6 vollkommen homosexuell

Jedermann oberhalb von 0 und unterhalb von 6 kann klar als bisexuell definiert werden. Obwohl viele Leute sagen würden „Ich bin Kinsey (was auch immer)“, sollte festgehalten werden, daß spätere Forscher wie Klein es für nützlicher gefunden haben, die Menschen nach einer Reihe von Kriterien einzuordnen, wie „Zurückliegende Geschichte“, „Gegenwärtige Geschichte“, „Gegenwärtige Gefühle“ und „Wünsche für die Zukunft“. Trotzdem bleibt die Kinsey-Skala ein nützliches Werkzeug für die Diskussion von Sexualität, gerade weil sie so einfach ist

Diese Skalen sind sicherlich eine gute Spielwiese für Menschen, die gerne alles quantifizieren…

Hilft es dir wirklich, zu wissen, ob du nach irgend einer Einteilung zur Mehrheit oder Minderheit in deinem Lande gehörst? Bist du ein Teil der Mehrheit, ermutigt dich das, dann die Anderen zu verfolgen? Oder haben nicht auch Heteros ein Recht auf Freiheit?

Wenn du zu 37,853 % homosexuell bist, was darfst du dann, was darfst du nicht, was mußt du sogar tun, um deinen Zahlenwert zu verteidigen? Hast du heute, na ja, also gut, dieses Jahr schon zu 37,853% schwul gelebt?

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19. Ist nicht jeder in Wirklichkeit bisexuell?

Wie wir oben gesehen haben, sind sehr viele unterschiedliche Definitionen von Bisexualität möglich.

Eine Sache sind die verschiedenen Begriffe und ihre Bedeutung.

Eine andere Sache sind die lebenden Menschen mit ihren ganz verschiedenen Eigenschaften und Wünschen.

Wenn man diese Verschiedenheit „plattdrückt“, indem man die Möglichkeit, das Potential zur Bisexualität, die Offenheit für unterschiedlichste Wünsche und Verhaltensweisen, die Menschen als Menschen haben, mit ihrem gegenwärtigen Leben und ihren Bedürfnissen einfach gleichsetzt, so schüttet man das Kind mit dem Bade aus, man negiert den Kern der bisexuellen Bewegung, die gelebte Vielfalt, und schafft eine neue Zwangsjacke für alle oder, wie Heleen Rutgers bei der Eröffnung der Ersten Europäischen Bi-Konferenz (EBC1) 2001 in Rotterdam sagte „Dieser Satz beendet die Diskussion, bevor sie richtig begonnen hat.“

Wenn jemand sagt, daß er hetero oder schwul/lesbisch ist und du dann darauf bestehst, er sei ja „in Wirklichkeit“ bisexuell, werde es vielleicht einfach nicht wahrnehmen, dann bedeutet das, ihm seine Selbst-Identität zu verweigern (s. o. ). Jedermann sollte frei sein, seine eigene Identität für sich selbst zu definieren oder keine sexuelle Identität für sich zu definieren. Deshalb ist diese Art von Generalisierung wertlos.

Außerdem ist Bisexualität nicht besser als hetero oder schwul sein. Das beste für jedes Individuum ist das zu sein, was es als richtig für sich empfindet. So denk bitte nicht, daß Leute sich als bisexuell identifizieren, wenn sie „weiter entwickelt“ oder mehr in Kontakt mit ihren inneren Gefühlen sind. Akzeptiere Vielfalt – verschiedene Menschen sind wirklich verschieden.

Sehr wichtig ist es dagegen, die Möglichkeiten aufzuzeigen, auf die uns weite Definitionen von Bisexualität hinweisen, als Einladung für jeden Menschen, immer wieder vertraute Gewohnheiten, Denkweisen und Gesetze in Frage zu stellen. Wenn jemand Hetero- und Homosexualität als abgegrenzte Festungen interpretiert und Menschen in seine Festung einsperren will, sollten die Eingesperrten wissen, daß sie auch ausbrechen können.

Bisexualität ist nicht nur gelebte Vielfalt (s. o. ), sondern diese gelebte Vielfalt ist, weil sie eine **Viel**-Falt ist, eine ständige Negation und Herausforderung alles dessen, was uns einseitig sehen, einseitig machen, eingrenzen und reduzieren will.

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20. Ist Bisexualität angeboren?

21. Welche Menschen sind oder werden bisexuell?

22. Ist Bisexualität eine Krankheit?

22.1. Ist Bisexualität heilbar?

23. Widerspricht die Bisexualität nicht den Regeln der (westlichen, Welt-) Kultur über die Einehe?

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24. Ist Bisexualität nicht unnatürlich?

Nicht jeder, der das „Widernatürliche“ bekämpft, hat solide biologische Kenntnisse, trotzdem ist Bisexualität ganz klar „widernatürlich“. Hier mischt sich der erste Anschein, wie „die Natur“ funktioniert, mit der selbstbewußten Gewißheit „na, was wir schon so lange als richtig kennen, daß muß doch richtig sein“.

Bei „Natur“ muß man noch einmal unterscheiden. Geht es um die „gottgewollte Ordnung der Natur“ die, klar doch, vollkommen festgelegt und bekannt ist, zum Beispiel aus der Bibel, oder geht es um die reale Natur, wie man sie „draußen“ vorfinden kann, und die von der Naturwissenschaft nach und nach erforscht wird?

In den letzten Jahren haben die Biologen interessante Entdeckungen zur Homosexualität im Tierreich gemacht, auch im harten Kampf gegen die den Wissenschaftlern eingebrannten oder aufgezwungenen Vorstellungen, oft im harten Kampf gegen ihre eigene Überzeugung.

Wenn die Annahme richtig ist, daß Tiere auf die hetero-ige Sexualität kaum verzichten, wenn sie die Gelegenheit dazu haben, geht es bei „Homosexualität im Tierreich“ meistens eher um „Bisexualität im Tierreich“ und man kann beides zusammen behandeln. Oder ist Bisexualität für die Forscher noch peinlicher?

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25. Ist Bisexualität nicht unmoralisch?

26. Ist Bisexualität nicht unethisch?

Antwort auf beides:

Als „Moral“ bezeichnet man ein System von Normen und Verhaltensregeln, das in einer bestimmten Gesellschaft oder einem abgrenzbaren Teil davon als gültig angesehen oder von der herrschenden Meinung oder herrschenden Macht den Beteiligten aufgezwungen wird.

„Ethik“ ist die Philosophie des menschlichen Handelns.

Da das Wort „Moral“ in der deutschen Sprache der heutigen Zeit mit der überkommenen, traditionellen Moral der 50er Jahre und früher verbunden wird, von der sich viele emanzipieren, verwenden sie „Ethik“ im Sinne von „Moral“ und „ethisch“ im Sinne von „moralisch“ mit der Bedeutung „moralisch gut“. Das klingt etwas moderner und wissenschaftlicher, die Fragestellung und die Antwort darauf sind aber dieselben.

Solange die Ethik als Philosophie oder Wissenschaft keine allgemeinverbindlichen letzten oder höchsten Werte und Ziele nachweisen kann, gibt es nur einzelne Moralsysteme. Die werden dann von Menschen, Menschengruppen oder Gesellschaften als allgemeinverbindlichen angenommen oder vorgeschrieben.

Die Frage stellt sich damit anders: Ist Bisexualität in einer bestimmten Religion, Weltanschauung oder politischen System verboten und warum?

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27. Ist Bisexualität nicht unchristlich, unislamisch, …?

28. Ist Bisexualität nicht einfach ekelhaft? :-)

29. Ist Bisexualität schädlich?

29.1. Ist Bisexualität schädlich für den Einzelnen?

29.2. Ist Bisexualität schädlich für die körperliche Gesundheit?

29.3. Ist Bisexualität schädlich für die seelische Gesundheit?

29.4. Ist Bisexualität schädlich für die Gesellschaft?

29.5. Ist Bisexualität schädlich für die Jugend?

30. Ist Bisexualität nützlich?

Klar, zur Unkrautbekämpfung, für die Regulierung des Stuhlgangs, zum Glätten der Aktienkurse, …

Wer etwas bekämpft, was Menschen einsperren will, leistet einen Beitrag zur Freiheit schlechthin. Davon können alle Menschen profitieren. Die bisexuelle Bewegung reiht sich damit ein in die weltweite Bewegung zur Emanzipation von Menschen mit „abweichenden“ sexuellen Orientierungen oder einfach Wünschen und damit in die weltweite Bewegung für Freiheit, Demokratie und Menschenrecht.

31. Woran erkennt man Bisexuelle?

Siehe: Woran erkennt man Homosexuelle?

Antwort: An der Schuhgröße (Günter Amendt, Sexfront, Frankfurt am Main 1970)

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32. Ich habe entdeckt, daß ich bisexuell bin. Soll ich es meiner Familie erzählen?

Schau auf dein Leben und entscheide, ob du dir hilfst, wenn du es ihnen erzählst und ob du dir nicht schadest, wenn du es ihnen nicht erzählst (das eine schließt das andere nicht notwendigerweise aus). Beide Wege, erzählen und nicht erzählen, können problematisch sein. Deine Nächsten werden dich vielleicht nicht akzeptieren, aber andererseits, vielleicht akzeptieren sie dich doch. Nichts zu erzählen kann dir den Frieden bewahren, oder es kann ständig in dir nagen, mit „Ich muss es ihnen unbedingt erzählen“ oder „Ich muss es unbedingt irgendjemand erzählen, der mich gut kennt“.

Es gibt viele Leute in der bisexuellen Community, die dir von guten und schlechten Erlebnissen erzählen können, die wir mit jeder der verschiedenen Arten von Entscheidung gehabt haben. In der Tat kann man diese „Coming-out-Geschichten“ oft hören, wo immer sich Bisexuelle treffen (so genannt, weil sie vom Herauskommen aus dem Verborgenen und dem Mitteilen unserer Sexualität erzählen). Das ist etwas, was uns zusammenbringt, weil so viele von uns eine dieser Geschichten erzählen können.

Aber letztendlich ist es deine Entscheidung und sie muss von dir getroffen werden. Wir können Unterstützung für deinen Mut, Trost für deinen Verlust, Freude für deinen Gewinn anbieten. Aber du musst den Schritt machen, der das alles möglich macht. Du mußt entscheiden, ob es jemand wissen muß oder ob du willst, daß es jemand weiß. Viel Glück dabei.

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33. Gibt es wirklich eine bisexuelle Community?

Du sprichst gerade mit einer. Wir sind hier, um unser Leben mitzuteilen und miteinander zu teilen, mit Geschichten, unserer Geschichte, Freunden, Familie, wir sind hier, in bine.net, um die Hände auszustrecken von einem Bisexuellen zum anderen und die Lücke zwischen isolierten bisexuellen Communities zu überbrücken – und um der menschliche Teil der Schnittstelle zu sein.

Wir finden uns allmählich zusammen, mit dem Verlangen, daß unsere Liebe zu beiden Geschlechtern nicht lächerlich gemacht oder verkleinert wird. Ebenso sehr wie die schwul/lesbische Community Anerkennung und Respekt von der hetero Gesellschaft verlangt, verlangen wir Anerkennung und Respekt von beiden. Wir verlieben uns und trauern, wir haben das sehr menschliche Anliegen, Kinder zu haben, wir stehen in einer Welt nach dem Erscheinen von AIDS. Wir erfreuen uns beim Diskutieren über unsere gemeinsamen Erfahrungen, die uns etwas anders als den Rest der Welt machen. Was sonst ist eine Community?

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34. Gibt es irgendwelche bi-freundlichen Orte im wirklichen Leben?

Ja. Einige lesbisch/schwule Einrichtungen (Kneipen/Bars, Clubs, Treffpunkte) heißen Bisexuelle willkommen (oder, in manchen Fällen, tolerieren sie uns zumindest). Viele Großstädte in Europa und den USA und anderen Ländern haben bisexuelle Gruppen, die sich regelmäßig treffen und einen bi-freundlichen „Raum“ bieten. Details, wie man mit der nächstgelegenen Gruppe dieser Art in Kontakt kommen kann, findet man in:

Websites:

bine.net/Lokale Gruppen

 

Büchern:

Der Bisexual Resource Guide ist das Standardverzeichnis aller bisexuellen Gruppen und Einrichtungen: en.wikipedia.org/wiki/Bisexual_Resource_Center und www.biresource.org/.

35. Kennt jemand irgendwelche guten Bücher mit bisexuellen Charakteren?

Bücher und Filme:

Auf Englisch:

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36. Was ist „Biphobie"?

Sich nicht für eine Seite zu entscheiden, widerspricht der monosexuellen Ordnung in unserer Gesellschaft. Bisexuelle Frauen und Männer sind Vorurteilen ausgesetzt, sowohl von heterosexueller, wie von homosexueller Seite. Sie werden ausgegrenzt, ihre Existenz in Frage gestellt. Sie erleben Biphobie. (siehe auch Frage 13 und Frage 14)

Hier noch ein Tipp zum Weiterlesen:
www.bisexualitaet.org/2012/07/biphobie-was-woher-warum

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