In Japan kamen in den 70er Jahren zwei Manga heraus: Juichigatsu no Gimunajiumu ("November-Gymnasium“) von Moto Hagio und Kaze to Ki no Uta ("Das Lied des Windes und der Bäume“) von Keiko Takemiya. In beiden Manga geht es um Liebe unter Schülern. Diese beiden Manga stellen die beiden ersten Shounen-Ai-Manga dar.
Shounen-Ai bzw. Shônen-Ai bedeutet „Jungenliebe“ und wird als Genrebezeichnung für Geschichten mit schwulen Paaren benutzt, in denen sexuelle Darstellungen meist nur angedeutet werden und es eher um Romantik und die Beziehung als um die Darstellung des sexuellen Aktes geht. Später wurden auch Manga mit deutlicheren Zeichnungen veröffentlicht und das Yaoi-Genre entstand. Das Wort „Yaoi“ kommt von yamanashi ochinashi iminashi, was auf Deutsch soviel heißt wie „kein Höhepunkt, keine Pointe, keine Bedeutung“. Das bedeutet, dass die Figuren einer Geschichte und ihre (sexuelle) Liebesbeziehung zueinander im Mittelpunkt stehen; die Handlung der Geschichte ist nicht so wichtig.
Als die Manga- und Anime-Welle Deutschland erreichte, folgte auch das Yaoi-Genre. Schon unter den ersten Manga, die in Deutschland veröffentlicht wurden, waren Manga mit Yaoi-Tendenzen (z. B. Sailor Moon). Die erste deutsche Veröffentlichung eines Yaoi-Manga war im Jahr 2000 mit Zetsuai ("Verzweifelte Liebe“). Hauptpersonen sind ein Pop-Idol und ein Fußballspieler. Fortgesetzt wurde diese Manga-Reihe mit Bronze. Es folgten Manga wie Kizuna ("Fessel, Band, Verbindung“) – mit einem Yakuza-Sprössling und einen Kendo-Sportler, Fake, eine lustige Geschichte mit zwei Polizisten und Ludwig II, in dem historisch nicht ganz korrekt das Leben des Märchenkönigs dargestellt wird. Heute erhöhen Verlage wie Carlsen, Tokyopop und Ehapa ihren Umsatz mit Yaoi-Manga. Inzwischen wurden mehr als 40 Yaoi-Titel veröffentlicht. Einige sind bis zu zwölf Bände lang, anderen mit nur einem Band abgeschlossen, sogenannte One Shots.
Neben der kommerziellen Vermarktung von Yaoi-Manga findet man im Internet eine Fülle an Yaoi-Geschichten und -Zeichnungen. Als Vorlage für die Zeichnungen und Geschichten dienen Manga und Anime. Diese können entweder Fanart und Fanfiction zu bestehenden Manga und Anime sein oder sogenannte Originale – homoerotische Geschichten und Zeichnungen mit typischen Stilelementen/-mitteln des Yaoi-Genres. Es gibt drei Möglichkeiten, wie die handelnden Figuren ausgewählt werden: Die Charaktere der ursprünglichen Geschichte sind schwul; sie haben eine Beziehung zu einem Mann, die man umdeuten kann, wie z. B. beste Freunde oder es gibt gar keine Hinweise, dass sie schwul sein könnten. Sehr beliebt ist es, Feinde zu Liebenden zu machen. Die Geschichten selbst sind sehr vielseitig. Je nach Geschmack und Lust der Autorinnen wird jede Handlungsmöglichkeit und jeder -ort wie auch jedes Genre (Fantasy, Märchen, Science-Fiction, Action, Komödie etc.) ausprobiert. Geschichten mit Kitschfaktor zum Träumen und Seufzen, aber auch diejenigen zum Mitleiden mit einem hoffentlich guten Ende sind äußerst beliebt. Hurt und comfort nennt sich letztes Prinzip auf Neudeutsch. Erst lässt die Autorin ihre/n Charakter/e richtig leiden und dann wird er von einem anderen Charakter getröstet und aufgepäppelt. Wie auch in den anderen Bereichen gilt: Sex sells. Unbestritten ist, dass Geschichten mit dem Hinweis lime/lemon (weniger explizite/ explizite sexuelle Handlungen) eine deutliche größere Chance haben, gelesen zu werden als andere. Kurios, aber auch bedenklich ist die Tatsache, dass so manche junge Autorinnen Geschichten schreiben, die sie nach eigener Altersfreigabe gar nicht lesen dürften. Wie in allen Genres gilt: Ungefähr neunzig Prozent des Geschriebenen ist durchschnittlich. Im Yaoi-Genre gibt es außerdem das Problem, dass eine Vielzahl der Autoren Teenager sind. Die Online-Archive werden mit ersten Schreibversuchen und schlechten Geschichten überschwemmt. Selbst wenig kritischen Lesern fällt die mangelnde schlüssige Handlung vieler dieser Werke auf und viele Autoren (junge wie alte) neigen zu geringer Kritikfähigkeit und leichter Beeinflussbarkeit. Stilmittel werden nachgeahmt, ohne richtig darüber nachzudenken, und beliebte Handlungen werden unendlich wiederverwertet und neugeschrieben.
Es gibt ein paar spezielle Eigenheiten, welche die Manga bzw. Anime oft auszeichnen und die wiederum teilweise unbewusst oder bewusst in den Geschichten aufgenommen werden. Dazu gehört die Charaktereinteilung in seme und uke, die auch die Rollenverteilung beim Sex bestimmt. Entnommen sind diese Begriffe dem Kampfsport und bedeuten etwa angreifen und empfangen. Der seme ist der ältere, aktive Typ, der im Bett oben ist. Der typische uke hingegen ist klein, jünger, schüchtern, hat große Augen und oft ein leicht feminines/androgynes Aussehen/Verhalten. Welchen Reiz diese Androgynität auf Frauen ausübt, zeigt der große Erfolg androgyner Musiker in der Musikbranche.
Neben Yaoi gibt es auch noch den aus dem Amerikanischen kommenden Slash. Das ist ebenfalls Fanfiction mit homosexuellen Beziehungen zwischen Männern. Hier jedoch dienen Filme, Serien, mitunter auch Bücher und Videospiele als Vorlage. Auch der sogenannte Real-Slash mit Schauspielern und Musikern wird häufiger. Slash und Yaoi entwickelten sich unabhängig voneinander. Man könnte sagen, dass Yaoi in westlichen Augen die asiatische Variante zu Slash ist und umgekehrt. Im Internet trafen die beiden Genres aufeinander und es kam teilweise zum Austausch von Stilmitteln. Mittlerweile verwischen die Grenzen zwischen Yaoi, Shônen-Ai und Slash. Das Slash-Fandom „Harry Potter“ wimmelt von Yaoi-Autoren, und die meiste Fanfiction zu dem Manga „From Eroica With Love“ weist Slash-Merkmale auf. Neben Yaoi gibt es auch noch einen Begriff für homosexuelle Beziehungen zwischen weiblichen Protagonisten. Er wird Yuri genannt und bedeutet soviel wie „Lilie“. Der romantische Anteil von Yuri ist weitaus höher als der bei Yaoi. Auch der Akt als solcher ist eher zweitrangig. Dennoch gibt es noch eine weniger freizügige Variante, Shoujo-ai bzw. Shôjo-Ai genannt, das ein Gegenstück zu Shônen-Ai ist.
Gelesen werden Yaoi-Geschichten von einem meist weiblichen, heterosexuellen und – seltener – bisexuellen Publikum. Es gibt auch männliche Leser, doch Yaoi wird prinzipiell von Frauen für Frauen produziert. Neulinge wie Außenseiter stellen oft die Frage, warum sich ausgerechnet heterosexuelle Frauen für schwule Männer begeistern. Das ist nicht leicht zu beantworten.
Übliche Argumente konzentrieren sich auf die Analogie der Begeisterung von Männern für Lesbenpornos bzw. Zärtlichkeiten zwischen Frauen, wobei bei Frauen wohl doch stärker der romantische Aspekt wichtig ist. Geschichten mit homosexuellen Beziehungen werden als „interessanter“ als „normale“ Liebesgeschichten zwischen Mann und Frau bezeichnet. Der Reiz des Anderen, Besonderen, Verbotenen spielt hierbei sicherlich eine große Rolle. Andere verweisen auf die Erfüllung von Sehnsüchten nach einem besonderen Typ von Mann, der erwünschte Eigenschaften wie Sensibilität, Mut und natürlich gutes Aussehen erfüllt, was in den Geschichten dann als Leser oder Autor ausgelebt wird. Dabei gilt die Regel: Zwei Männer sind besser als einer, besonders wenn sie den sanften und starken Typ abdecken. Bisweilen muss der uke-Part auch als Stellvertreter der Frau herhalten. Oder nach dem Motto: Den tollen Typ bekomme zwar nicht ich, aber wenigstens auch keine andere Frau. Das sind nur ein paar Motive, von denen sich ganz sicher nicht alle Frauen vertreten fühlen.
Interessant ist, dass einigen das Schreiben und Lesen von Yaoi nicht reicht, sondern sie interessieren sich im Laufe der Zeit auch für Filme, Bücher und Dokumentationen, die Homosexualität, Bisexualität und Artverwandtes behandeln. Inwieweit die Leser dadurch toleranter sind oder ob das Genre hilft, Vorurteile abzubauen oder eher zu entwickeln, das ist wohl von Leser zu Leser verschieden. Aus persönlicher Erfahrung lässt sich jedoch sagen, dass sich gerade langjährige Yaoi-Fans mehr mit ihrer eigenen sexuellen Orientierung auseinandersetzen.
http://www.mangaka.de/mangakultdetail.php?action=15
http://de.wikipedia.org/wiki/Yaoi
http://en.wikipedia.org/wiki/Yaoi
(englisch)
http://de.wikipedia.org/wiki/Slash_%28Literatur%29
http://en.wikipedia.org/wiki/Slash_fiction
(englisch)
http://www.aestheticism.com/visitors/reference/aestheticism.htm
(englisch)
http://www.aestheticism.com/visitors/reference/jpnse_def/index.htm
(englisch)
http://www.yaoi.de/
(Fanfiction zu Anime/ Manga)
http://www.boyxboy.de/
(Originale)
http://www.originalbishounen.de/
(ebenso)
Scarabae, Imani