Bijou 22

Wir sind bi! – Teil 2 (BiJou 22)

Bisexuelle Gesichter – Bisexuelle Geschichten

1. Henning & David, beide 20 aus Zwickau, Student und Schüler

Ihr seid zwei verliebte Jungs, die zusammen eine Beziehung führen: Wie geht eure Kennlern-Geschichte?

Kennen gelernt haben wir uns Ende April 2006, als Henning extern bei Gayromeo nach Jungs gesucht hat, die ICQ haben. Anfrage bei ICQ: „Was willst du?“ – „Erst mal beschnüffeln.“ Beide waren aufgeregt, wenn der eine online ging und anfing mit Schreiben. Nach täglichem Schreiben über ICQ bis ganz spät in die Nacht hinein haben wir beschlossen, uns einmal persönlich kennen zu lernen. Anfangs ausgemacht war erst der August, was dann doch noch auf den Juni/Juli vorgezogen wurde. Das erste gemeinsame Wochenende war sehr aufregend, denn uns beiden schlotterten die Knie, als wir uns am Bahnhof in Zwickau trafen. Nach einigen leichten Hemmungen kamen wir uns dann auch näher. Es war sehr erregend. ;-) Aber wie das nun mal so ist, neigt sich alles Gute immer einem Ende zu. Der Sonntag war der letzte Tag bzw. der Tag der Abreise. Unser Abschied am Zwickauer Hauptbahnhof fiel uns sehr schwer. Jeder ging erst mal wieder seine eigne Wege. Davids Geburtstag wollten wir gemeinsam feiern, und bereits nach einer Woche waren wir wieder vereint. Das Wetter hat zu der Zeit auch super mitgespielt. Ja, und wie man sehen kann, sind wir immer noch zusammen!

Seid ihr beide bi?

Ja, wir sind beide bi. Hatten auch vorher Beziehungen zum weiblichen Geschlecht, das jedoch Sex ausschloss, da wir zu der Zeit noch recht jung waren bzw. es sich nicht ergeben hat.

Wie steht ihr zur sexuellen Treue? Wie sieht es mit Sex mit einer Frau aus?

Treue ist für uns sehr wichtig. Es wäre also für uns undenkbar, dass wir Sex mit einer Frau haben, während wir eine Homo-Beziehung führen. Aber wenn wir uns einig sind, könnten wir uns schon vorstellen, einmal beide zusammen mit einer Frau Sex zu haben.

Seit wann wisst ihr von eurer eigenen Bisexualität? Wie war das?

David wollte die Erfahrung mit dem eigenen Geschlecht machen, da er denkt, dass das auch dazugehört, sich selbst zu finden und zu entdecken. Henning fand das eigene Geschlecht auch interessant und wollte einfach mal wissen, wie es ist, einem anderen Mann einen zu blasen. :-)

Henning und David

Seid ihr geoutet?

Wir sind beide nicht geoutet, und nur der engste Freundeskreis weiß von unserer Beziehung. Die Freunde akzeptieren es und behandeln uns auch nicht anders also zuvor. Einige Schwule sagen schon: „Wie geht das denn? Bi und trotzdem ne Homo-Beziehung?!“ Aber wir sagen uns, dass wir eben zurzeit die eine Seite etwas stärker eingeschlagen haben.

Was würdet ihr Leuten entgegnen, die behaupten, Bisexualität sei krank, nicht normal?

Ein bisschen BI schadet nie! *g* In jedem von uns steckt ein Stückchen Mann in der Frau bzw. ein Stückchen Frau im Manne.

Warum ist gerade die männliche Homo- bzw. Bisexualität in der Gesellschaft so verpönt?

Das haben wir uns auch schon gefragt?! Zum Beispiel: Wenn zwei Frauen zusammen tanzen, sagt man auch nicht: „Ohh, die sind lesbisch.“ Wenn aber im Gegenzug zwei Männer zusammen tanzen, sagt man gleich: „Wow – zwei Schwule, toll, dass ihr euch traut, euch so zu zeigen!“ Henning hat dies schon selbst erfahren und kann es einfach nicht verstehen. So viel zum Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Seid ihr religiös? Falls ja, wie vereinbart ihr eure Sexualität mit der Sexualmoral der Kirche?

Ja, Henning besitzt eine Konfession, aber da er aus einer nicht so streng religiösen Familie kommt, kann er dies damit vereinbaren.

Sind für euch Bisexuelle anders als Homo- oder Heterosexuelle? Z.B. sensibler und offener? Oder kann man das nicht pauschalisieren?

Da wir in einer Zeit leben, wo Toleranz großgeschrieben wird, können wir nicht sagen, dass wir wegen unserer Bisexualität großartig anders sind bzw. besonders behandelt werden! Wir denken, dass vielleicht Bisexuelle in Hinsicht auf Sex doch etwas offner sind.

Wie seht ihr eure eigene Bisexualität?

Wir akzeptieren es, dass wir beide bi sind, und gut ist.

Welchen Tipp gebt ihr anderen Bis, die eine Beziehung suchen?

Irgendwann und irgendwo findet jeder Topf seinen passenden Deckel (aus Gayromeo). Vielleicht auch nicht immer gezielt nach einer Beziehung suchen, es ergibt sich auch eventuell aus einer Freundschaft. Sozusagen, wenn aus Freundschaft Liebe wird.

2. Anja, 27, gelernte Erzieherin aus der Grafschaft Bentheim

Du bist eine junge bisexuelle Single-Frau. Seit wann weißt du, dass du bi bist?

Eigentlich kann ich kein genaues Alter nennen. Ich wollte mir das zuerst gar nicht eingestehen, dass ich Frauen anziehender als Männer fand. Es kann so mit 18/19 gewesen sein.

Du hast also eine Präferenz bei den Frauen?

So ist das auch wieder nicht. Ich mag auf beides nicht verzichten. Nur eine Frau ist auch nicht ausreichend.

Wie stellst du dir dein Bi-Leben vor?

Am liebsten stelle ich mir schon vor, … ich kann mich gar nicht entscheiden … dass ich mit einer Frau zusammenlebe und dann noch etwas mit einem Mann habe. Oder Normalität der Gesellschaft: dass ich mit einem Mann zusammen bin, aber dass noch eine Frau dazukommt.

D.h., du würdest gerne eine feste Beziehung und Sex mit dem jeweils fehlenden Geschlecht?

Eine Dreierbeziehung – wenn sich das fest vereinbaren lassen würde, dann wäre das schon schön. Aber in der Realität ausleben – klappt das?

Würdest du deinem Partner erzählen, dass du bi bist und es auch ausleben willst?

Auf jeden Fall. Ich habe jahrelang in einer Ehe gelebt … und das nicht ausgesprochen und nicht gelebt. Und das ist nicht möglich. Ich hatte Familie und Kinder, war verheiratet.

Du hast Kinder?

2 Kinder. 6 und 9 Jahre alt.

Wissen die davon?

Nein. Momentan halt ich es von ihnen fern, sie sollten sich nicht damit beschäftigen, was Mama so macht. Ich geh damit an sich schon offen um, aber ich denke, noch sind sie zu jung. Kinder sind ja eh schlau … ein bisschen bekommen sie so oder so mit. Wenn sie mich fragen würden, würde ich auch nicht lügen.

Ab wann meinst du, sollte man es Kinder erzählen?

Es gibt da keine genaue Altersgrenzen. Wenn sie in die Pubertät kommen oder wenn sie halt fragen. Und man sollte wie ich jetzt schon gegen solche Dinge angehen wie „Ihh, schwul!“ – das gibt es bei mir nicht!

War Grund für die Trennung von deinem Mann die Bisexualität?

Für mich war es nicht der Grund. Für ihn war es auch kein Problem. Es kam nicht dazu, dass es eine dritte Frau gab. Ich entdeckte dann aber einen weiteren Fetisch. Worauf ich ihn aber verlassen habe.

Fetisch?

BDSM (Bondage-Dominant-Sado-Maso, Anm. der Red.)

Warum bist du Single?

Weil ich mich getrennt habe und noch nicht den richtigen Partner fürs Leben gefunden habe. Das war erst letztes Jahr September.

Welche Anforderungen stellst du an deinen Partner?

Von hohen Erwartungen kann ich nicht reden. Man muss sich sehen und verstehen. Mein Partner muss nicht unbedingt bi sein, schon aber BDSM mögen. Eine Sie muss schon bi sein, sonst wird es schwierig und am liebsten auch in die BDSM-Richtung gehen.

Was wäre, wenn dein Partner Monogamie verlangen würde?

Ich könnte damit nicht leben … eine Zeit lang vielleicht, aber es würde daran zerbrechen.

Welche Erfahrungen hast du mit Frauen?

Ich hatte noch keine Beziehung. Das erste Mal war mit einer sehr guten Freundin, wobei sich herauskristallisiert hat, dass wir uns beide sehr anziehend finden. Aber keine Beziehung … Ansonsten hatte ich etwas mit anderen Paaren. Aber erst am Ende meiner Ehe.

Wie hatte sich das mit dem Paar ergeben?

Das hatte sich aus dem Freundeskreis heraus entwickelt. Es war am Abend, wir waren schön weggegangen, es war Karneval. Es war nicht geplant, aber wir hatten vorher viel darüber gesprochen.

Bist du geoutet? Wer weiß es?

Der engste Freundeskreis, die Familie gar nicht. Natürlich alle, die poppen.de lesen. Wobei ich weiß, dass die Familie es nicht schlimm finden würde.

Wie haben andere reagiert?

Da gibt es verschiedene Sparten: Im BDSM-Bereich gibt es viel offenere Reaktionen. Eine enge Freundin, die gar nichts damit zu tun hat, meinte: „Es ist okay, wenn es dir Spaß macht.“ Sie hätte es vielleicht interessiert, davon zu hören. Aber es ist okay, mehr nicht.

Was würdest du entgegnen, wenn Leute behaupten, Bisexualität sei nicht normal?

Tja. Gute Frage. Ich glaub, ich würde sagen, dass ich ihre Meinung akzeptiere. Unnormal ist nur das, was man selbst nicht kennt oder auslebt.

Anja

Denkst du, dass Bisexuelle noch Diskriminierungen ausgesetzt sind?

Ich denke ja. Frauen nicht so sehr wie Männer. In dem Sinne, dass viele denken: Wenn zwei Frauen sich küssen, dann finden sie es erotisch. Aber wenn zwei Männer es tun: „Was machen die denn da?“ Wenn zwei Männer zusammenwohnen, wird ihnen z. B. unterstellt, selbst wenn sie so als Kumpel zusammenwohnen, dass sie schwul seien.

Woran liegt es, dass einige Menschen zwei Männer zusammen eklig finden?

Es gibt wohl mehrere Gründe, aber ich denke, dass es großteils anerzogen ist! Spinnenphobie wird auch geprägt – ein doofes Beispiel, aber es stimmt.

Was findest du an Frauen so toll?

Es ist ein ganz anderes Gefühl: Zusammenzusein, Verständnis, Berührungen, das Miteinanderumgehen – was ganz anderes, was Schönes. Ich kann's nicht anders beschreiben.

Was findest du an Männern so toll?

Genau dasselbe. Deswegen auch dieses Zusammenspiel. Wobei ich bei beiden Seiten eher devot bin.

3. Tim (Pseudonym), 21 Jahre, aus Oldenburg, Student

Bist du Single oder hast du einen Partner?

Ich bin Single.

Lebst du deine Sexualität offen aus? Bist du geoutet?

Ja, zum größten Teil! Ich habe es vor einem Jahr meiner Familie erzählt und dann meinen Freunden. Das Outing war positiv. Meine Eltern waren sehr überrascht, hätten es nicht gedacht. Meine Freunde übrigens auch. Zu der Zeit hatte ich einen Freund (ein halbes Jahr lang), und den habe ich einfach zur Familie mitgenommen. Ich habe gar nicht gesagt, ob ich bi oder schwul wäre oder so etwas, sondern ihn einfach als Freund vorgestellt. Das war alles kein Problem!

Wie möchtest du dein Bi-Leben leben? Hast du eine Tendenz zu Männern oder Frauen?

Ich bin monogam, absolut, zu 100%. Was mir wichtiger ist – ist mir egal. Es müsste Mr. oder Mrs. Right sein. Heiraten wäre auch nicht schlecht. Zurzeit ist es ja einfacher, eine Frau zu haben, aber für mich wäre ein Mann auch kein Problem. In der letzten Zeit habe ich mich mehr mit Typen getroffen, früher mit Mädels – ich kann mir beides vorstellen!

Welche Erfahrungen hast du mit Partnern gemacht – akzeptieren sie deine Bisexualität?

Meine Ex-Freundin wusste das nicht. Mit ihr war ich drei Jahre zusammen. Zu der Zeit spielte das für mich aber auch keine Rolle, deswegen habe ich sie auch nicht angelogen. Dann -nach der Beziehung- habe ich mich in einen Typen verschossen. Für ihn war es ein Problem. Aber das war unbegründet. Denn ich bin treu und ergeben, wenn ich in einer Beziehung bin.

Wie hast du deine Bisexualität entdeckt?

Dass mich beides interessiert, ist mir klar, seitdem ich 14 bin. Zu der Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, eine Beziehung zu einem Typen zu haben. Das kam erst später.

Warum konntest du dir das nicht vorstellen?

Weil ich das Gefühl nicht kannte. Ich hatte mit 14 etwas mit meinem besten Freund. Aber ich war nicht in ihn verliebt. Das empfand ich damals nur für Mädchen. Und wenn man nicht verliebt ist, ist es nicht die nächste Option, eine Beziehung einzugehen.

Was reizt dich an Männern und Frauen? Gibt es da einen Unterschied?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Gute Frage! Ich stehe nicht auf feminine Typen. Ich stehe also wirklich auf Typen, die wie ein Typ sind. Und auf Frauen, die eben weiblich sind. Es sind zwei total getrennte Paar Schuhe. Ich denke, sie haben beide ihre Attraktivität!

Bist du froh, bi zu sein? Oder ist es dir egal? Oder ärgert es dich manchmal?

Ich finde das nicht schlecht. Es ist beides möglich, mit ner Frau oder nem Typen glücklich zu werden. Andererseits ist es bei mir so -wobei ich nicht weiß, ob das was mit der Bisexualität zu tun hat-: Ich bin bei beiden Geschlechtern sehr wählerisch. Ich kann nicht mit jedem etwas anfangen. Es muss einfach die richtige Person sein.

Manche behaupten, 25- bis 40-Jährige wären Bi- und Homosexuellen gegenüber offener, Jugendliche dagegen eher gerade nicht.

Kann ich so gar nicht beobachten. Ich denke, dass es immer toleranter und offener wird. Und das geht mit den Jüngeren los. Für die, die damit aufwachsen, ist es weniger ein Problem. Die Älteren haben sich damit einfach noch nicht richtig beschäftigt.

4. Tristan, 42 Jahre, aus Saarbrücken, Angestellter

Bist du Single oder lebst du in Partnerschaft?

Single.

Lebst du offen Deine Sexualität? Bist du geoutet?

Ja. Aber in der Öffentlichkeit (in der ich beruflich stehe), ist es nicht offiziell bekannt. Ich habe auch keine Veranlassung, dies aktiv zu betreiben. In der Szene, also auch hier (bei www.gayromeo.de(externer Link) (Anm. d. Red.)), ist es offen zu sehen. Insofern schiebe ich die Verantwortung für Publizität auf Zufall etc. Wirklich wissen tun es nur Freunde.

Was suchst du? Wie möchtest du dein Bi-Leben leben?

Eigentlich suche ich immer noch die Frau fürs Leben, habe aber zwischen Beziehungen mit Frauen festgestellt, dass mich auch bestimmte Männer reizen.

Möchtest du etwas Festes? Oder lieber Sex in allen Variationen? Sex zu dritt?

Etwas Festes möchte ich eher mit einer Frau, an Dreiern bin ich für mich nicht interessiert.

Wenn du mit einer Frau zusammen bist, bist du dann monogam? Oder wünscht du dir nebenbei noch etwas mit einem Mann?

Wenn ich in den letzten Jahren (leider nur jeweils ein paar Monate) mit einer Frau liiert war, war ich in dieser Zeit monogam. Ich bin dann sehr fixiert.

Welche Erfahrungen hast du mit Männern gemacht – akzeptieren sie deine Bisexualität?

Die meisten Männer meinen, man stehe nicht wirklich zu seinen homoerotischen Neigungen.

Wann und wie hast du entdeckt, dass du bi bist? Warst du irritiert?

Ich wurde schon vor vielen Jahren von einem etwa gleichaltrigen, sehr attraktiven Mann verführt. Das war so toll, dass ich eigentlich nicht sagen kann, sehr irritiert gewesen zu sein. Im Nachhinein erinnere ich mich an Freunde zur Schulzeit, mit denen man gezeltet und Sonstiges getrieben (im weiteren Sinn) hat – und es heutzutage wohl auch richtig treiben würde. Ich bin überzeugt, dass nahezu jeder Mensch gleichgeschlechtlich verführbar ist.

Sind deiner Meinung nach Bisexuelle anders als Hetero- oder Homosexuelle? Z.B. sensibler oder offener?

Ich glaube nicht, dass man das egal für welche Gruppe pauschalieren kann. Dass Bisexuelle offener sein könnten, liegt zwar nahe. Aber sehr oft sind Schwule die besten Freunde und Berater von Freundinnen in Krisensituationen. Ich bin sowohl Frauen als auch Männern gegenüber sehr wählerisch, und dann auch kritisch und bestimmend, also auch in dieser Hinsicht nicht offener als andere.

5. lily zinski, 41 Jahre, aus Hildesheim, Angestellte, Moderatorin bei BiNe e. V.

Ich habe über BiNe einen Bi-Mann kennen gelernt, mit dem ich jetzt quasi den Ernstfall probe. Vor noch nicht allzu langer Zeit war ja auch bei mir alles nur Theorie. Wir sind jetzt seit einem Jahr liiert, und er hat jetzt den Kontakt zu seinem Freund wieder aufgenommen. Wir haben vorher eine Absprache getroffen, die uns beiden gut tut. Sein Freund hat mich via Mail um „Erlaubnis“ gefragt, und sollte ich mit einer Frau intim werden wollen, sollte sie meinen Freund fragen. Das klingt vielleicht etwas befremdlich, doch wir fühlen uns sehr wohl damit. Ich hatte schon mit Eifersucht zu kämpfen, als die Mail in meinem Postfach war, doch letztendlich geht es mir sehr gut mit ihm und unserer Beziehung. Ich bin tief getaucht und habe meine „neurotische“ Eifersucht unter die Lupe genommen. Details aus den Treffen möchte ich nicht wissen. Ich liebe ihn und möchte einfach, dass es ihm gut geht. Keine faulen Kompromisse mehr …

lily zinski

Nun ist es so, dass ich mich schon auch nach einer Frau sehne. Das Problem -für mich- ist jedoch, dass die Damen eher schneller zur Verliebtheit neigen und sich eine Begegnung selten auf Sexualität reduzieren lässt. Praktisch ist es für mich also schwer, eine Frau zu finden, die mich mit meinem Liebsten teilt. Denn im Moment kann ich mir zum einen noch nicht vorstellen, dass ich zu zwei Menschen gleichzeitig intensive Gefühle, was ja Verliebtheit/Liebe bedeuten würde, entwickeln könnte. Ich glaube, dass es in gewisser Form auch eine Frage der Energie sein könnte. Also kann ich die Energie für eine entsprechende Intensität überhaupt aufbringen? Zum anderen kann ich mir auch vorstellen, dass die Zellen schlichtweg besetzt sind. Das klingt jetzt etwas technisch, doch ich kann es nicht besser ausdrücken. Wir wissen ja, dass unterschiedliche Bedürfnisse auch von unterschiedlichen Menschen abgedeckt werden. Darum sehnen wir uns nach der Frau und dem Mann. Mein Bedürfnis an Nähe, Vertrautheit und Bindung im engeren Sinn wird im Moment durch meinen Mann (ich nenne ihn jetzt bewusst so) spürbar und erfüllend abgedeckt. Und dennoch vermisse ich die körperliche Nähe zu einer Frau. Und genau an dieser Stelle wird mir deutlich, dass es sich eher um körperlich sexuelle Ambitionen handelt, die mich beschäftigen. Das bedeutet ja nicht, dass ich es grundsätzlich ausschließe, mich nicht auch gleichzeitig in eine Frau zu verlieben. Ich bin mir sicher, dass ich im Verlauf meiner Erfahrungen vielleicht noch einmal an einen anderen Punkt komme. Es bleibt spannend, und ich bin sehr glücklich darüber, einen Mann gefunden zu haben, der diesbezüglich meine Sprache spricht. Es ist insgesamt alles neu und spannend … von der Theorie in die Praxis halt!

6. Bi-Paar, Sie 32 Jahre, Er 40 Jahre, Saarbrücken, Angestellter

Er wird interviewt: Seit wann seid ihr zusammen?

Etwas über 3 Jahre. Über die Arbeit haben wir uns kennen gelernt.

Wie stellt ihr euch euer Bi-Leben vor? Bzw. wie lebt ihr es bereits?

Wie leben wir das? Indem wir es zusammen mit anderen Leuten machen! Wir sind beide bi. Wir treffen uns mit Paaren oder auch mit Einzelmännern. Wir haben uns mit Paaren auch schon häufiger getroffen, aber in der Regel verläuft es sich dann, weil es nicht 100%ig passt. Es läuft dann ne Weile, und dann ist es vorbei. Vier Leute unter einen Hut zu kriegen, ist schon etwas schwierig.

Hattet ihr denn schon mal ein sehr schönes Erlebnis mit einem Paar?

Ja, das war aber ein männliches Paar. Haben wir bei gayromeo kennen gelernt.

Ward ihr schon mal in einem Swingerclub?

Waren wir einmal. Das war aber eine Katastrophe. Das ganze Publikum und das Ambiente waren scheiße.

Könnt ihr euch auch eine Beziehung mit anderen vorstellen?

Normal schon! Ausgeschlossen ist das sicherlich nie. Wenn es sich ergibt, wäre es schon nett. Aber in der Regel ergibt es sich so nie.

Ihr habt auch gerne Sex mit anderen. Ist Bisexualität da eine Voraussetzung?

Bei einem Paar „Männlein-Weiblein“ wäre es nett, aber ist nicht unbedingt notwendig. Bei Einzelmännern bestehen wir drauf, schon um Notgeile abzuschrecken.

Seid ihr gar nicht eifersüchtig aufeinander? Wenn sie etwas mit anderen Männern macht? Du mit anderen Frauen? Oder eben mit dem gleichen Geschlecht?

Nein, eigentlich nicht.

Haben für euch beide Geschlechter einen eigenen Reiz? Was macht diesen für euch aus?

Gute Frage! Sagen wir das mal so: Sie sieht es gerne, wenn ich es mit einem Mann mache und andersrum: Ich sehe sie gerne mit einer anderen Frau.

Wie seid ihr darauf gekommen, dass ihr bisexuell seid?

Es hat sich nach dem Kennen lernen herauskristallisiert, dass so eine Neigung vorhanden ist. Und dann hat man es weiter ausgebaut. Vorher wussten wir es voneinander nicht. Das geht ja gar nicht – dann müsste man sich ja bei so einer Gelegenheit direkt kennen lernen. Bei meiner Frau hat sich das erst durch mich so entwickelt. Ich hatte schon vorher Erfahrungen. Meine erste Erfahrung war damals noch unangenehm – da ich damals noch nicht von meiner Neigung wusste. Da hatte ein Mann mir einen geblasen. In einem Pornokino. Später habe ich dann darüber nachgedacht und bin doch auf den Geschmack gekommen.

Seid Ihr bei Freunden und Verwandten geoutet?

Ja, zum Teil! Nun ja, der Großteil weiß es nicht. Nur vereinzelt. Wir haben sie auf einer Kontaktanzeigenseite entdeckt, wo wir drauf sind, und da waren sie auch drauf.

7. Gerrit, 64 Jahre, aus Hamburg, IT-Berater

Du hast mal in einer Art Bi-WG gelebt, aber fangen wir von vorne an: Du hast schon viel erlebt – wie entdecktest du, dass du dich für beide Geschlechter interessierst?

Es gab so diese Phase, wo man sich mit 15-16 Jahren gegenseitig gewichst hat. Es gab getrennte Jungen- und Mädchenklassen, und ich hatte 4 Brüder, so wusste ich gar nicht, wie Mädchen aussehen. Ich stand damals mehr auf Jungs. Mein Kumpel sagte, dass er einen steifen Schwanz bekäme, wenn er ein Mädchen sieht. Ich dachte mir: „Das ist bei mir bei Jungs der Fall!“ Damals gab es keinen richtigen Begriff für „schwul“ oder „homosexuell“. Dann hat mich eine Zeitlang Sex gar nicht mehr so interessiert. Mit 24 Jahren traf ich in San Francisco in einem Buchladen auf einen Mann, der mich zu sich ins Hotel einlud. So hatte ich meinen ersten schwulen Sex. 2 Jahre später lernte ich eine Frau kennen, verliebte mich und heiratete sie ein Jahr später auch. Ich hatte ein gutes Gefühl mit ihr, nicht aufgrund des gesellschaftlichen Druckes haben wir dann geheiratet, sondern einfach deshalb, weil es alle mehr oder weniger taten. Meine damalige Frau hatte etwas Burschikoses, bei ihr war auch etwas Androgynes im Spiel, trotzdem war sie ganz Frau.

Wie lange hielt die Ehe?

Wir waren 6 Jahre zusammen verheiratet. Wir blieben aber länger zusammenwohnen, haben gemeinsam zwei Töchter großgezogen. Es gab im Hinblick auf die Erziehung der Kinder nie große Meinungsverschiedenheiten. Die Beziehung ist nicht auseinandergegangen, weil ich mich wieder mehr für Männer interessiert habe, sondern aus anderen Gründen. Sie war sehr tolerant und entwickelte sogar lesbische Neigungen. In der Zeit habe ich dann auch Sexualpädagogik studiert und Unterrichtseinheiten über Homosexualität entworfen, die auch in Schulen Einfluss hatten.

Du sagst immer heterosexuelle und homosexuelle Neigungen – magst du das Wort „bisexuell“ nicht?

In meinem Leben haben sich die Schwerpunkte sehr abgewechselt. Mal stand das eine im Vordergrund, mal das andere. Zurzeit lebe ich zu 95% schwul, aber ich habe gerade gestern eine Frau kennen gelernt, die ich phantastisch finde … das wird sich zeigen! Wenn mich jemand fragt, was ich bin, dann sage ich: „Ich bin sexuell!“ An sich vermeide ich Aussagen wie „Ich bin …“, sondern sage, wie ich zurzeit lebe! Das ist doch das Problem bei vielen, die dann eine Identitätskrise bekommen: Jemand ist heterosexuell und entdeckt dann, dass er Interesse am gleichen Geschlecht hat, und bekommt dann ein Problem mit seiner mühsam zurechtgebastelten Identität … Selbstzuweisungen können sehr schädlich und hinderlich sein.

Gerrit

Erzähl – wie war das mit der WG und dieser Art Bi-Dreiecksbeziehung?

Nach der Beziehung mit meiner Frau führte ich ein paar Jahre eine Beziehung mit einem Mann (ich war 30, er 20 Jahre alt) und hatte kurzzeitige Beziehungen mit beiden Geschlechtern. 1989 kam ich dann mit einem 26 Jahre jüngeren Mann zusammen. Dies war ein ehemaliger Schüler, den ich 4 Jahre als Klassenlehrer betreut habe. Als er 19 Jahre wurde, führten wir also -ein bisschen skandalös, gerade in einer Kleinstadt– eine schwule Beziehung. Es war für ihn problematisch, sich als schwul zu identifizieren. Das dauerte nur ein paar Jahre. Nach 6 Jahren ist er mit einer Frau zusammengekommen. Eine Dreiecksbeziehung war schon vorher in der Debatte, aber würde das auch funktionieren? Ich wollte SIE kennen lernen. Und es dauerte nicht lange, und wir hatten uns verliebt. Der Effekt war: Jeder war in jeden verliebt. „Ist ja prima“, dachten wir. Nach einem Jahr sind wir zusammengezogen. Sie hatte eine 2 Jahre alte Tochter.

Gab es Probleme mit der Eifersucht?

Wenn zwei was miteinander haben, ist der Dritte alleine. Wir haben stark arbeiten müssen, haben aber auch sehr viel gelernt dabei. Eifersucht ist bei mir ganz verschwunden, es ist kein hilfreiches Gefühl, es bringt nichts. Wir hatten von 1996 bis 2002 eine gleichseitige Dreiecksbeziehung. Es war aber nicht ganz gleichverteilt, da ich eher hinter ihm her war, er eher hinter ihr und sie eher hinter mir.

Gab es Regeln für die Beziehung?

Ja. Es gab immer ein Dreierbett. In die Mitte, die Ritze, wollte niemand, so schlief jede Nacht jemand anderes in der Mitte. In Bezug auf den Sex hatten wir keine Regeln, wir hatten aber sehr oft Sex zu dritt. Da kam es auch vor, dass einer sich irgendwann beiseite rollte – meistens mein Freund, weil er nicht so ausdauernd war. Aber das war völlig okay.

Weswegen fand diese Beziehung ein Ende?

Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt hatte! Mit der Frau hatte ich ein sehr intensives sexuelles Verhältnis. Die Ursache der Trennung war meiner Meinung nach nicht zu finden in Sex, Eifersucht oder Problematiken einer Dreierbeziehung. Ich hatte mich mit der Frau wegen anderer Dinge zerstritten. Ich habe mich dann entschieden auszuziehen. Mein Freund liebte mich, wie er ebenso sie liebte. Es war eine große Qual für ihn, mich ziehen zu lassen, aber er hat sich im Endeffekt für sie entschieden, indem er wohnen blieb, und damit war auch meine Beziehung zu ihm zu Ende.

Was würdest du jemandem raten, der eine bisexuelle Dreierbeziehung oder Bi-WG sucht?

Erstens: Alle gesellschaftlichen Konventionen hinterfragen! Zweitens: Seine eigenen Gefühle ehrlich anerkennen! Und drittens: Besitzdenken und Eifersucht auf ein Minimum reduzieren! Auch wichtig ist es, sich in Kreisen zu bewegen, wo man solche Leute kennen lernen kann. Eine Dreierbeziehung ist kein starres Modell. Man muss lebendigem Leben freien Raum lassen. Alles, was ist, sollte man akzeptieren und annehmen, statt mit neuen Normen zu belegen. Eine Dreierbeziehung kann man nicht planen. Du kannst offen dafür sein, du kannst sie dir auch wünschen, und du kannst Menschen zusammenbringen. Und wenn du deine Liebhaber zusammenbringst, gehst du natürlich auch das Risiko ein, dass du dann out bist. Ansonsten bring deine Liebhaber und Liebhaberinnen zusammen und freue dich, wenn sie sich untereinander lieben! Was zählt, das ist die Liebe.

Interviews durchgeführt von Frank

Aktualisiert: 12/2007
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