Bijou 21

Wir sind bi!

Bisexuelle Gesichter – Bisexuelle Geschichten

1. Ief, aus Berlin:

Eine Bisexuelle

Sein Name ist Maurice. Er war nicht besonders auffällig, sprach wenig in der Klasse, wir waren elf Jahre alt. Eines Tages bekam ich einen Zettel von ihm in meine Hand gedrückt. Auf den Zettel war ein rotes Herz, mit Buntstiften gemalt, daneben stand: „Küsse“ und die Frage „Willst du mit mir gehen?“

Ief

Zu dieser Zeit traf ich mich oft mit Susanne. Ich nannte sie Peter. In der Schule taten wir immer so, als ob wir uns gegenseitig nichts zu sagen hätten. Wir entwickelten bestimmte Zeichen, die wir ohne vorherige Absprache direkt verstanden. Alles fing damit an, dass ich ihr stolz von meiner Michael-Jackson-Kassette erzählte. Sie wollte mit mir nach dieser Musik tanzen. Es entstand ein außergewöhnlicher Tanz. Sie wollte ein Mann (der verführt) sein, daher nannte ich sie seither Peter und ich war die (zu erobernde) Frau. Sie verführte mich, oft. Wir schrieben uns Liebesbriefe und mein Tagebuch füllte sich mit sehr vielen verliebten Emotionen und Gedanken. Ich war in Susanne und Peter verliebt.

Maurice habe ich einen Tag später sehr deutlich zur Kenntnis gegeben, dass zwischen uns nichts laufen wird. Ich verstand nicht, dass ein einen Kopf kleinerer Junge, der gerne Fangen spielt, sich tatsächlich für mich „die gerne Tanzende“ interessierte.

Trotzdem hat er mir unbewusst klar gemacht, dass es auch so etwas wie echte Jungs gibt. Seitdem schaute ich die Älteren etwas genauer an. Ältere Jungs und Mädchen fand ich bald viel spannender als meine Klassenkameraden. Die Älteren flirteten sehr offensichtlich, wobei ich noch immer heimlich mit meinem Peter im Spielzimmer tanzte.

Mit 14 verliebte ich mich dann in Pascal, mit 15 in Edith, mit 16 in Roland, mit 17 in Petra, mit 18 in Michael, mit 19 in Sonja …

Und plötzlich wollte mein Umfeld einen Namen dafür. Ich sollte mich outen. Ich wusste nicht, was ich zu outen hatte, fand es ziemlich doof, eine Schublade aufzumachen für die Art, wie ich l(i)ebte. Immer wieder sagte ich: „Ich liebe Menschen und nicht ein bestimmtes Geschlecht“. Bald aber sagte das Umfeld, dass man statt solch eines langen Satzes auch „bisexuell“ sagen kann.

O.k.! Ich bin eine Bisexuelle.

Du hast also Sex mit Frauen und Männern?

Ja, und ich erlebe das Lieben und Geliebtwerden mit und von Frauen sowie mit und von Männern.

Bevorzugst du mehr die Frauen oder mehr die Männer? Kann man sagen, du bist mehr hetero oder mehr homosexuell orientiert?

Ich bin bisexuell und rechne nicht das „wie viel“ zum „wem“ um. In man- chen Zeiten fühle ich mich schneller angesprochen von Frauen, manchmal von Männern. Oft passiert es mir aber, dass mich nicht das Geschlecht in- teressiert, sondern es ist etwas anderes, das ich bei dem anderen spannend finde: die Stimme, die Art der Bewegung, das Lachen, etc.

Also kannst du dich nicht zwischen Frauen und Männern entscheiden?

Ich muss mich doch nicht entscheiden. Denn ich habe mich entschieden: Ich liebe Menschen, „und das ist gut so!“

Liebst du manchmal mehr als eine Person?

Ich lebe in der Tat polyamourös. Am liebsten würde ich eine Hauptbezie- hung haben und nebenher weitere Affären (er)leben. Ich würde niemals fremdgehen und immer mit meiner Partnerin oder meinem Partner über die Situation sprechen. Oft ist es trotzdem schwer. Zwar kann man vieles bespre- chen, manchmal fühlt es sich aber nicht gut an, und dann sollte man gut füreinander sein und sich intensiv mit der Situation beschäftigen.

Hast du gerade eine Beziehung? Und klappt es mit „mehreren Affären"?

Nein, leider nicht. Derzeit (er)lebe ich eher Affären. Alle wissen, wie ich drauf bin, aber es wird nur zum Teil darüber gesprochen. Ich lebe gerade das typische Singledasein mit ab und an „sehr interessanten“ Geschichten. Manche dauern etwas an, andere verfliegen recht schnell.

Wo lernst du andere Bisexuelle kennen?

Das ist tatsächlich manchmal gar nicht so einfach. Ich chatte und maile gern im Internet, dort findet man so hin und wieder interessante, nette und liebevolle Menschen. Ansonsten überlege ich, wie ich das mit dem Ausgehen mache. Wenn ich in einen Heteroladen gehe, stelle ich oft fest, dass Hete- rofrauen nicht unbedingt Flirtlust mit Frauen haben (logisch). Sie will nicht angequatscht und nicht auf einen Drink eingeladen werden, nicht mit mir tanzen und fühlt sich nicht wohl dabei, dass ich ihr öfter zuzwinkere.
Zeitgleich stehe ich da, umringt von „einigen“ Heteromännern, die natürlich alle sehen wollen, was ich mit der Frau mache und zeitgleich mit mir flirten. Wobei ich öfter darauf keinen Bock habe, da es immer so viele gleichzeitig sind in solch einem Laden. Es gibt natürlich immer Ausnahmen.
In einem Frauenladen sind oft die Männer homosexuell und die Frauen manchmal auch etwas angenervt, wenn man ihnen erzählt, dass man auch Männer gerne hat.
Wo auch immer man landet, das, was man oft mitbekommt, ist, dass viele Schiss haben, sich auf eine wie mich einzulassen, weil sie Angst haben, dass ich sie für eine andere Frau oder einen Mann verlasse.
Bis jetzt bin ich wenigen Bisexuellen begegnet, in meinem direkten Umfeld, dafür muss man wahrscheinlich doch in einschlägige Lokale gehen und/oder mehr im Internet recherchieren.

Ist es dir das schon mal passiert, dass du jemanden für eine andere Person verlassen hast?

Nein. Noch nie. Denn wenn ich jemanden liebe, dann ist das meine Num- mer eins und wenn man nach einer Zeit nicht mehr gemeinsam die Bezie- hung führen wollte, lag das bei mir noch nie daran, dass ich jemand anderen kennen gelernt habe.

Leben Bisexuelle meist in mehreren Beziehungen?

Nein. Viele Bisexuelle haben mal eine Beziehung mit einer Frau, mal mit einem Mann. Oft möchte das Umfeld, dass man sich „irgendwann“ entschei- det, der Bisexuelle aber kann sich niemals entscheiden, weil es seine Ent- scheidung ist, offen zu empfinden für beide Geschlechter.

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Was genau ist der Bivalent Blog?

Zuerst wollte ich ein Lokal eröffnen, ir- gendwo in Berlin, von und für Bisexuel- le. Dann habe ich ein betriebswirtschaft- liches Konzept geschrieben, Menschen gesucht, die mitmachen wollen und in diesem Rahmen einen Newsletter be- gonnen. Da ich alleine für den Newslet- ter schrieb, habe ich später einen Blog eingerichtet, sodass man direkt Kom- mentare schreiben kann, wenn man etwas durchgelesen hat und etwas an- merken will. Ziel ist es, Menschen kommunizieren zu lassen: über das, was sie bewegt, mit und um das Thema Bisexualität, dass die Diskussion offener im Raum steht, so dass man sich selbst und den anderen nicht als fremde Person sieht.
Letztendlich wünsche ich mir auch noch immer so etwas wie ein Lokal oder einen Ort, an dem man sich öfter gemütlich trifft.

Weitere Fragen beantworte ich gerne über E-Mail: bivalent@woerterimraum.de

2. Alexandra (Pseudonym), 20 Jahre und Martin (Pseudonym), 21.Jahre, aus Unterfranken

Alexandra berichtet:

Mein Mann (bi) und ich leben in Unterfranken und sind beide um die zwanzig. In unserem Dorf, in dem wir leben, wird bi- und homosexuellen Menschen keine Toleranz entgegen gebracht, diese meistens sogar noch wie Verbrecher behandelt.

Ich hatte schon seit der Pubertät Phantasien von Dreiern (MMF), bei denen auch die Jungs miteinander rummachen. Reden darüber konnte ich mit niemandem; wenn ich bei damaligen Freunden nur auf das Thema kam (ohne dass ich sagte, dass ich darauf stehe), wurde gleich die Nase gerümpft. Als ich mit meinem jetzigen Mann zusammen kam, dachte ich zuerst, er sei ein Hetero der besonders schlimmen Sorte und hatte meine Phantasien schon abgehakt, da ich dachte, sie niemals ausleben zu können.

Ich lernte ihn damals durch einen gemeinsamen Kumpel kennen, und am Anfang konnte ich ihn gar nicht ausstehen. Er war still, oberflächlich und tat immer, als wolle er etwas verbergen. Jedenfalls teilte mir besagter Kumpel dann mit, dass er sich wohl nur so verhält, weil er sich kopfüber in mich verliebt habe und ziemlich schüchtern sei. Jedenfalls lernten wir uns besser kennen, und nach drei Jahren Freundschaft waren wir dann ein Paar. Anfangs lief alles schief, was nur schief laufen konnte. Er geilte sich an anderen Frauen auf, was mir überhaupt nicht gefiel. Dazu kam noch, dass er immer öfter sein altes Verhalten an den Tag legte: Er war manchmal zu still und wich meinen Blicken aus. Er hatte ganz klar ein schlechtes Gewissen, natürlich dachte ich sofort daran, dass er wohl eine andere hat. Es gab also fast immer, wenn wir uns sahen, Streit. Bis wir eines Abends in einem Pub saßen und uns eigentlich ganz normal unterhielten. Da gestand er mir, dass er in der Schule immer Jungs hinterher geschaut hatte. Ich wusste erst mal gar nicht, was ich damit jetzt anfangen sollte. War er schwul? Hatte er einfach nur Angst, schwul zu werden? Oder war er sogar bi? Das Gespräch entwickelte sich weiter, und sehr zu meiner Freude erfuhr ich dann, dass er schon immer bisexuell war, es aber eine Zeit lang verdrängt hatte und sich schlecht deswegen fühlte. Eigentlich sei er auch gar nicht an anderen Frauen interessiert, sein ganzes Gehabe sei nur dafür gut gewesen, damit ihn niemand ertappt und ich nicht auf die Idee komme, er könnte bi sein. Er wollte es mir die ganze Zeit nicht sagen, weil er dachte, ich würde die Beziehung beenden, weil ich ansonsten ja auch recht eifersüchtig bin. Ich sagte ihm erst mal nichts davon, dass mich so etwas anmacht, gab ihm aber mein ok. Die ganze Zeit überlegte ich, wo wohl der Haken war, ich konnte es einfach nicht fassen, dass ich einmal das Glück hatte, jemanden kennen zu lernen, der wirklich zu mir passte. Am dritten Tag nach seinem „Geständnis“ teilte ich ihm dann mit, dass mich bisexuelle Männer total geil machen. Darauf folgte erst einmal eine ziemlich heftige Liebesnacht. Er wurde plötzlich ein ganz neuer Mensch, und jeder Störfaktor wie z. B. seine Verschlossenheit, Kälte, usw. war wie weggeblasen. Wir konnten auf einmal über viel mehr Dinge offen reden, hatten im Bett mehr Spaß und verstanden uns prächtig. Jedoch konnte ich an mir auch eine deutliche Veränderung feststellen: Mir war schon immer klar -auch jeder der mich kennt sagt das-, dass mein Charakter eher männlich als weiblich ist, sexuell war aber bis jetzt eigentlich alles „normal“. Immer mehr spürte ich beim Sex mit meinem Freund ein Verlangen nach seinem Hinterteil, genauso wollte ich von ihm genommen werden, wie ein Mann, also anal, ohne dass er mir dabei die Brüste massiert oder ähnliche Dinge wie beim „Hetero-Sex“. Mich machte es wahnsinnig geil, mir dabei vorzustellen, dass ich selbst ein Boy bin. Natürlich haben wir heute auch noch ganz „normalen“ Sex, der auch Spaß macht, aber unsere gesamte Beziehung ist nun sehr viel besser.

Alexandra und Martin

Seit längerem sind wir jetzt auf der Suche nach einem netten, witzigen Ihn zwischen 18 und 29 Jahren möglichst aus unserer Nähe, mit dem man auch außerhalb der Bettkante Spaß haben kann. Jedoch hat es sich als sehr schwer he- rausgestellt, so jemanden zu finden. Entwe- der die Männer wollen nur Sex, brauchen Begleitung für Swingerclubs oder sind sogar für Telefonate zu feige. Genauso wenig sind wir auf der Suche nach einem Mann, der nur „Erfahrung sammeln“ oder „mal aus- probieren“ möchte. Es geht uns nicht um Erfahrung oder ums Ausprobieren, es geht einfach darum, zwanglosen Spaß zu haben. Reine Sexgeschichten hätten wir schon mehr als genug haben können, aber wir suchen gerade diese nicht. Wir wünschen uns eine unkomplizierte Freundschaft, ohne Verpflichtungen, in der man einfach auch miteinander schläft. Schade, dass wohl die meisten wirklich nur für das Eine gut sind. Wer meint, dass er unserem Gesuch entspricht oder einfach nur ein bisschen labern will, darf sich gerne melden: siehe www.bi-boy-station.de(externer Link)

Interview mit Martin:

Du hast eine Frau?

Ja, ich lebe mit meiner Frau seit 3 Jahren zusammen, und seit zwei Jahren sind wir verheiratet.

Lebst du offen deine Sexualität?

Ja, da meine Frau keinerlei Probleme damit hat und es außerdem ziemlich sexy findet, wenn zwei Jungs zärtlich zueinander sind.

Bist du geoutet?

Nur bei meiner Frau. Meine Familie und Bekannten sind leider viel zu konservativ eingestellt.

Was suchst du?

Meine Frau und ich suchen einen Bi-Boy für eine Freundschaft, die zwar nicht auf Sex basiert, aber aus der sich gerne Sex ergeben darf. Wenn es richtig gut läuft, könnten wir uns sogar vorstellen, zu dritt zu leben. Bis jetzt ein absoluter Wunschtraum!

Wie möchtest du dein Bi-Leben leben?

Zusammen mit meiner Frau und einem anderen Mann, der auch zärtlich sein kann und nicht nur die schnelle Nummer im Kopf hat.

Suchst du mehr Männer oder mehr Frauen?

Suchen tue ich nur noch einen Mann. Stehe fast nur auf Männer, meine Frau ist eher eine Ausnahme.

Stellst du dir zwei Beziehungen vor?

Nein, eine zu dritt finde ich schöner.
Nein, allerdings würde mir Bigamie schon vollkommen ausreichen. Obwohl vielleicht noch ab und zu einen dritten Mann dazu könnte man vielleicht auch mal ausprobieren …

Deine Frau akzeptiert deine Bisexualität?

Bis jetzt blieb es nur bei Kindheitserfahrungen mit einem Schulfreund, die ich aber noch nicht als „richtige“ Sexualität werten würde. Meine Frau akzeptiert meine Bisexualität nicht nur, sie steht auch selbst total darauf. Sie hat sich sogar über mein Outing gefreut und fühlt sich auch selbst zu einem großen Teil männlich. Unser Sexualleben wurde dadurch ungemein bereichert, und auch die Beziehung ist wesentlich besser geworden.

Möchtest du etwas Festes? Oder lieber Sex in allen Variationen? Sex zu dritt?

Etwas Festes zu dritt fänden wir beide echt schön. Vielleicht dann auch mal ab und zu Sex mit noch einem Mann, also zu viert. Aber das müssten wir erst ausprobieren.

Wann hast du entdeckt, dass du bi bist?

Zuerst kannte ich den Begriff Bisexualität noch gar nicht. Zu Männern fühlte ich mich schon immer hingezogen, erst später fand ich auch Gefallen an Frauen. Dass ich nicht schwul, sondern bisexuell bin, weiß ich erst seit ein paar Jahren.

3. Florian, 55.Jahre alt, aus Essen

Zur Zeit lebe ich allein; schon seit vielen Jahren lebe ich allein. Ich will auch allein leben; Alleinleben – das bedeutet: keinen Beziehungsstress, Zusammenleben bedeutet Beziehungsstress.

Aber etwas fehlt. Vielleicht die nahe menschliche Berührung, Sexualität? Nein, der enge erotische zwischenmenschliche Funke, die Hand, die mich berührt, der Blick, der meine Verborgenheiten kennt.

Aber ich habe die menschliche Nähe satt, sie erzeugt Stress und Enttäu- schung, Frust auch bei Partnern und Partnerinnen, die mit meiner Doppelbö- digkeit nicht umgehen können.

Ist ja auch verständlich, was will man mit einem anfangen, der durch Wider- sprüchlichkeiten seine Mitmenschen verunsichert?

Ich weiß nicht, warum ich so bin, so handele. Ich habe es immer schon ge- tan. Wie alt war ich, als ich begann, mich in Jungen meiner Schulklassen zu verlieben? Die älteste Erinnerung liegt in meinem zehnten Lebensjahr, viertes Schuljahr. Seltsamerweise hatte ich da eine Freundin, mit der ich trotz An- feindungen der anderen Jungen spielte. Mit zehn „hat man es nicht mit Mäd- chen“. Aber das mit der Freundin habe ich dann für lange Zeit vergessen.

Von Frühreife kann keine Rede sein, Sexualität wurde noch gute fünfzehn Jahre versteckt. Doch da beginnt meine Doppelbödigkeit mir wieder Streiche zu spielen, denn das mit den fünfzehn Jahren Enthaltsamkeit ist im Grunde eine Selbstlüge.

Mit fünfzehn Jahren begann ich das sexuelle Neutrum zu werden, man wusste nicht so recht, ob ich Junge oder Mädchen war, Jungen oder Mäd- chen liebte, ob ich überhaupt Gefühlsäußerungen besaß. Ich war klein, zu- rückgeblieben, unauffällig, wenn auffällig, dann zu Späßen gut genug, die natürlich auf meine kosten gingen. Ich konnte mich nicht wehren, fand keine passenden Kommunikationsformen meinen Mitschülern gegenüber.

So habe ich mich in Erinnerung. Die andere Seite wurde vergessen. Die eks- tatischen Ausbrüche, die gewisse Männer an mir so liebten, meine Schreie und Verrenkungen, wenn sie sich über meinen Körper hermachten, meine Fähigkeiten, mich im Takt der Musik langsam zu entkleiden – peinlich, das musste vergessen, ausgerottet werden, passte nicht zu diesem total ver- klemmten Image, das ich besaß, besitzen wollte.

Ich entwickelte eine schwule Identität, ich begann, meine Neigungen zu Jungen langsam zu akzeptieren. Mit 21 verliebte ich mich in einem Sommer- feriencamp in zwei sechzehnjährige jungen. Ich empfinde noch heute die bittersüßen Schmerzen nach, die entstanden, als ich Blicke, Worte, Berüh- rungen zuließ, ich mich ihnen hingab: „Ja, es ist so, du liebst diese beiden.“ Ich sehe mich am letzten Tage des Camps weinend auf meinem Bett liegen, nicht weil die beiden Jungen gingen, nein, weil ein Mädchen abreiste, mit der ich tagelang Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte und in die ich mich ver- liebt hatte, wie ich mir dann später zugestehen musste. Der Schwule verliebt sich in ein Mädchen.

Irgendwann machte ich dann bekannt, dass ich schwul sei, klar, das ist beim lebenslangen Coming-Out-Prozess ja auch notwendig. Gesellschaftliche Pro- zesse müssen in Gang gesetzt werden, das heißt, hier die Teilnahme an einer Schwulengruppe, dort die Teilnahme an einem Schwulenseminar. Dann die schwule WG, Erweiterung der Kontaktmöglichkeiten und gleichzeitig heim- lich eine enge Liebesbeziehung zu einer Frau.

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Die Frau: „Du bist ja schwul, da kann ja nichts passieren.“

Ich: total verliebt.

Die Frau später: „Jetzt hören wir aber auf, denn du bist ja schwul, das kann mit uns ja nichts werden.“

Ich: völliger Zusammenbruch, Heulkrämpfe, Zurückzug von allen Kontakten.

Nach langen Jahren kam dann endlich die Erleuchtung: Warum sollte ich mich meiner Heterosexualität schämen, warum sollte ich diese Seite meiner Wesens- art weiterhin ignorieren, wo sie doch so deutlich vorhanden war?

Aber das Zauberwort „Bisexualität“ verlor dann rasch an Glanz, die Kehr- seite dieses zweischneidigen Begriffs wurde immer wieder oft schmerzhaft deutlich:

Der Mann: „Junge, an dich will ich nicht so nah ran, denn du haust ja sowie- so irgendwann wieder mit einer Frau ab.“

Die Frau: „Junge, an dich will ich nicht so nah ran, denn du haust ja sowieso irgendwann wieder mit einem Mann ab.“

Hundertmal gehört? Ist vielleicht etwas übertrieben, aber subjektiv stimmt es. Das Gefühl, sich immer zwischen die Stühle gesetzt zu haben, das Gefühl, nie richtig irgendwo dazugehört zu haben, die Erwartung, beim anderen Menschen unwiderruflich an immer dieselbe Grenze zu stoßen: die Grenze, die besagt, „ich verstehe dich nicht, so kann man doch nicht sein“.

Heute geht es mir gut. Ich habe genug Kontakte, über die Arbeit, über Vereine, Seminare, Kontakte, die über Sachthemen geknüpft und gehalten werden. Ich fühle mich nicht einsam.

Wenn bei Kontakten die Erotik ins Spiel kommt, dann mache ich heute dicht, die betreffenden Personen bekommen davon nichts mit. Ich definiere mich auch nicht mehr als Homo-, Bi- oder Heterosexueller. Das können die anderen machen, wenn sie Lust dazu haben. Aber ich glaube, sie haben dazu keine Lust. Vielleicht ist aus dem früheren sexuellen Neutrum der „Unberührbare“ geworden.

4. Aneilie (Pseudonym), 28 Jahre, Wissenschaftlerin

Bist du Single oder in Partnerschaft?

Ich habe zwei Partnerschaften mit zwei Lesben. Sie kennen sich und wissen davon. Sie haben beide noch weitere Beziehungen. Ich bin poly.

Lebst du offen deine Sexualität aus? Bist du geoutet?

Ich bin geoutet, mit allen Details bei nahen Freunden, Eltern, Geschwistern … manche anderen z. B. Kollegen haben nicht alle Infos und denken manchmal, ich wäre eine Lesbe, weil ich nur Frauenbeziehungen habe, oder ich wäre monogam, weil sie nur eine Freundin getroffen haben.

Was suchst du? Wie möchtest du dein Bi-Leben leben? Suchst du mehr Männer oder mehr Frauen?

Ich möchte mein Leben nicht in eine lesbische und eine Hetera-Seite eintei- len müssen. Ich fühle mich eigentlich mit Männern auch nicht wirklich hetera. Ich glaube auch nicht so recht an den großen Unterschied zwischen den Geschlechtern – an Sozialisationsunterschiede schon.

Wie stehst du zur Polyamory vs. Monogamie?

Ich habe ja zwei Beziehungen. Ich bin nicht monogam, aber eben hauptsächlich, weil ich es in Ordnung finde, dass meine Liebsten mit anderen sind. So hat das auch angefangen. Ob ich wirklich auf lange Sicht mehrere Liebste haben will, ist in der Testphase.

Welche Erfahrungen hast du mit Frauen und Männern gemacht – akzeptieren sie Deine Bisexualität?

Ich bin queer-identified. Manche Heterotypen kriegen Angst vor dem Schwulsein, wenn ich Avancen mache. Ich kann nicht so viel mit der gängigen Rollenaufteilung und Rollenzuschreibung anfangen. Queer formuliert heißt das vielleicht, dass bi nicht gleich bi ist. Es könnte ja auch bi = schwul + lesbisch sein. Klingt wild, aber es macht viel Sinn für mich. Mit Frauen ist es einfacher, obwohl es in lgbt-Kreisen (Anmerkung der Redaktion: lgbt steht für lesbisch-gay-bi-transgender) teilweise noch große Biphobie gibt. Seit ich als Bi-Frau in weiteren Kreisen bekannt bin und mich vehement gegen biphobe Vorkommnisse/Äußerungen wehre, ist alles eh viel sicherer und einfacher geworden.

Möchtest du etwas Festes? Oder lieber Sex in allen Variationen? Sex zu dritt?

Kommt auf die Person an. Das hängt damit zusammen, dass sich mit dem Polykonzept in meinem Leben einiges an Werten verschoben hat. Ich trenne Verbindungen/Beziehungen/Freundschaften/Liebe viel weniger stark voneinander ab. Leute haben Raum bei mir, und es zeigt sich, wie sich Dinge entwickeln.

Welchen Platz haben Männer in deinem Leben? Wünscht du dir noch eine Beziehung zu einem Mann? Oder nimmst du das Leben, wie es kommt!

Ich teile mein Leben/ meine Person nicht in zwei Seiten ein. Ich habe emotionale Bindungen an Typen, die sind aber nicht so eng, dass ich sie als Beziehung oder Freund einstufen würde. Ich finde nicht, dass ich einen Mann und eine Frau in meinem Leben brau- che, um vollständig zu sein, weil ich alleine schon vollständig bin. Ich weiß, dass viele einen Mann und eine Frau in ihrem Leben wollen, also die EINE und den EINEN. Das spiegelt sich auch in den BiNe-Foren (www.bine-web. de/foren (Anm. d. Red.)) wider, aber mir geht es nicht so. Im Moment wünsche ich mir keine weitere intensive Verbindung, das bezieht sich auf Frau, Mann und alles dazwischen. Auf der anderen Seite habe ich schon das Gefühl, dass ich das Leben nehme, wie es kommt. Das heißt, dass ich meine Gefühle für jemand weiteres ernst nehmen würde.

Würde dir also das Sexuelle mit einem Mann reichen?

Diese Frage ist komisch, wenn du sie MIR stellst. Im Moment wäre passender: Reicht dir das Emotionale mit einem Mann? Oder: Reicht dir die platonische Liebe zu einem Mann? Da wäre die Antwort beide Male „ja!“. Ich hatte bisher keine rein sexuelle Verbindung mit nem Typen. Keine Ahnung, wie das wäre, aber es ist vorstellbar, dass das dann reicht. Das gleiche gilt auch für Frauen. Aber was mir reicht, hängt viel auch von der Person ab. Wenn ich mit jemandem Sexualität gelebt habe, und der Aspekt würde aus unserer Verbindung wegfallen, gesetzt den Fall, das ginge nicht von mir aus, würde mir das sehr fehlen. Dann könnte es sein, dass mir das nicht reicht.

Würden deine lesbischen Freundinnen einen Mann problemlos akzeptie- ren?

Das ist schon Thema mit meinen Liebsten: „Was wäre wenn?“ Das wird sich zeigen, wenn es passiert. Sie wissen um mein Interesse an Männern. Ich habe das Gefühl, dass sie es als Teil von mir sehen. Wann hast du entdeckt, dass du bi bist? Als ich mich mit 20 in ne Frau verliebt habe und sich das genauso angefühlt hat wie alles vorher mit Typen.

Sind deiner Meinung nach Bisexuelle anders als Hetero- oder Homosexuelle? Z.B. sensibler oder offener?

Nee, ich bin mir ziemlich sicher, dass es da keine großen Unterschiede gibt. Ich freue mich, andere Bi-Leute zu treffen und Erfahrungen und Gedanken auszutauschen. Es gibt Anknüpfungspunkte, aber auch viele Unterschiede innerhalb der einzelnen Gruppen (bi, lesbisch, …)

5. Funky, 45.Jahre, aus.Stuttgart, selbstständig

Seit wann bist du mit deiner Partnerin zusammen?

Seit etwa 15 Jahren.

Warum weiß sie nichts von deiner Bisexualität?

Sie wird es nicht mögen. Ich habe mal vorsichtig solche Vorstellungen an- gesprochen. Solche Vorstellungen findet sie okay, aber das auch Umsetzen nicht. Sie ist sexuell eher „konservativ“, wenn dieser Ausdruck in diesem Zu- sammenhang angewendet werden kann.

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Würdest du dir wünschen, dass du ihr erzählen könntest, dass du bi bist?

Ja, ich würde das lieber offen ausleben.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Bisexualität von manchen Frauen nicht akzeptiert wird?

Keine Ahnung, Berührungen unter Frau- en sind eher salonfähig als unter Män- nern. Ich denke, das ist durch jahrhunder- telangen Einfluss der Kirche beeinflusst. Wie möchtest du dein Bi-Leben leben? Ich tendiere eher zu Frauen, habe aber immer mal wieder Spaß mit Männern. Eine Gefühlsbeziehung wie zu einer Frau kann ich mir nicht vorstellen. Beziehungen zu Männern beschränken sich auf Sex.

Wo holst du dir Sex mit Männern?

Sex mit Männern bekomme ich im Internetforum wie z. B. www.poppen.de(externer Link) relativ leicht. Männer sind da untereinander unkomplizierter als Frauen. Bei diesen Treffen interessiert es keinen, was der andere sonst macht.

Magst du Sex mit mehreren?

Ich mag Sex in allen Varianten, auch zu dritt oder zu mehreren. Ich mag keine Gewaltsachen oder „Sportsex“.

Wie hast du entdeckt, dass du bi bist?

Es gab eine Häufung von entsprechenden sexuellen Vorstellungen und Träumen.

Fühlst du dich beim heimlichen Ausleben deiner Bisexualität mehr als Täter oder mehr als Opfer? Hast du ein schlechtes Gewissen? Oder bist du sauer, dass deine Frau nicht offen genug ist?

Ich fühle mich weder als Täter, noch als Opfer, aber das prickelnde Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, ist sicherlich dabei. Ich bin nicht sauer, dass meine Frau meine Fantasien nicht mitlebt. Vielleicht ein bisschen enttäuscht. Aber wahrscheinlich funktioniert deshalb unsere Partnerschaft immer noch gut. Meine Frau ist mir in jedem Fall wichtiger als „hormonelle Kapriolen"!

6. Özcan, 21.Jahre, aus Hannover

Du bist zur Zeit Single. Seit wann weißt du, dass du bi bist?

Ich weiß seit meinem 17. Lebensjahr, dass ich bi bin.

Warst du geschockt oder ganz locker? Und wie hast du es entdeckt?

Ich denke mal, man muss alles mal gemacht haben, um mitreden zu kön- nen. Und es war, sagen wir mal so, nicht meine beste Entscheidung, aber mittlerweile hab ich mich damit abgefunden. Und entdeckt habe ich es auf einer Geburtstagsfeier an meinem 17. beim Flaschendrehen: Ich sollte aus Joke einen Jungen küssen. Erst zögerte ich, doch ich ließ mich darauf ein ? er sah nicht schlecht aus; und ich muss sagen, es war auch nicht schlecht!

Wie meinst du das? Es war nicht deine beste Entscheidung?

Na ja, zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob ich es machen sollte, da man ja die Vorurteile über Schwule kennt. Eine Zeit lang hab ich es bereut, doch jetzt möchte ich es nicht missen.

Auf was stehst du mehr? Auf Jungs oder Mädchen? Kannst du dir mit bei- den eine Beziehung vorstellen? Oder nur Sex?

Kann ich nicht genau sagen. Wenn ich ein Mädchen gut finde, dann ein Mädchen. Wenn es ein Junge ist, ist es auch kein Problem. Nein, kann mir mit beiden eine Beziehung vorstellen, obwohl es mir anfangs erst mit einem Jungen unwöhnlich vorkam.

Hattest du schon eine feste Beziehung?

Nein. Ich suche halt schon seit Längerem. Es muss halt was ganz Besonde- res sein!

Wer weiß, dass du bi bist?

Niemand! Nur Ich. Das würde sich aber ändern, wenn ich einen Freund hätte, denn ich stehe zu meiner Liebe!

Hast du mit jemanden mal darüber geredet?

Nein. Aber ich denke mal, in meiner Familie können die sich das denken.

Wieso? Meinst du, dass Bisexuelle anders sind als Hetero- oder Homosexuel- le? Z.B. sensibler oder offener?

Ich denke mal beides. Aber ich kann halt nur von mir reden, dass es so ist. Ich weiß ja nicht, wie andere Homosexuelle oder Bisexuelle darüber denken. Wie stellst du dir dein Bi-Leben vor? Bin noch völlig unschlüssig, da ich halt noch keine Beziehung mit einem Jungen hatte. Ich könnte das erst beurteilen, wenn ich mal eine Beziehung gehabt hätte.

Was reizt dich an Jungs? Was an Mädchen?

Bei Mädchen: Sie hören einem zu, sie haben einen weichen Körper, sie sind das passende Stück für Männer. Na ja, vielleicht nicht für alle Männer! Und Jungs: Sie sind härter, mit denen kann man auch über Männerprobleme re- den, und sie haben oft sehr geil geformte Körper.

Was würdest du einem Mädchen bzw. einem Typen entgegnen, wenn sie/er meint: Bis sind ja nicht treu, mit dir kann ich also keine Beziehung einge- hen!?

Dafür gibt es keinen Grund! Ich bin die Treue pur. Wenn ich ein Mädchen bzw. Jungen liebe, bin ich wirklich sehr treu. Ich halte nix davon, weil ich schon oft schlechte Erfahrungen damit gemacht habe. Wenn ein Mädchen -in dem Fall meine Ex-Ex-Ex-Freundin- mit meinem besten Freund schläft … ich weiß, wie mies sich das anfühlt. Das möchte ich keinem zumuten!

Özcan

Es gibt Leute, die sagen: Die Generation 25- bis 40-Jährige sind total offen und haben kein Problem mit Bi- oder Homosexuellen. Aber die jungen Leute sind da wieder konservativer, und „echt schwul“ ist das größte Schimpfwort. Wie erlebst du das in Deinem Freundes- und Bekanntenkreis?

Da es noch keiner genau weiß, habe ich mich damit noch nicht auseinander gesetzt. Aber wenn es so wäre, würde ich sie verleugnen, weil ich der Ansicht bin: Der Cha- rakter ist das, was zählt, und nicht die Sexuali- tät. Und mir wurde schon oft gesagt, dass ich einen sehr guten habe würde.

Du bist türkisch. Ist es in der Kultur nicht schwie- rig mit Männerliebe? Würden deine Eltern es problemlos akzeptieren? Was meinst du?

Ja, sicher ist es schwierig. Aber meine Mutter wohnt in NRW, und meinen Vater kenne ich nicht. Aber es ist schwierig. Hab mich schon oft gefragt, wie die reagieren würden.

Hast du Interesse, dich mit anderen Bisexuellen auszutauschen? Schon Kon- takt mit welchen aufgenommen?

Wenn ich kein Interesse hätte, wäre ich wohl kaum bei gayromeo. Und Kon- takt ja, hab ich aber bisher nur via PC. Es gab auch schon die ersten Treffs.

Hast du auch Interesse an Sex mit mehreren? Oder wäre das überhaupt nichts für dich?

Nein, überhaupt nicht. Ich teile nicht sehr gerne und schon gar nicht die Liebe!

D.h., du würdest auch keine Beziehung mit einem Jungen und einem Mäd- chen gleichzeitig führen können!

Nein!

Ist es erlaubt, ein Foto von dir zu benutzen?

Ja, sicher! Warum nicht? Ich schäme mich doch nicht!

7. Steffi, 35.Jahre, Sekretärin und.Mike, 36 Jahre, Disponent aus Birkenfeld-Nahe

Seit wann seid Ihr zusammen?

Seit 2002.

Wann hat Mike von deiner Bisexualität erfahren, Steffi?

Das habe ich gleich von Anfang an gesagt, der war davon begeistert. Wir haben dann von Anfang an auch gleich gesagt: Wenn wir etwas mit anderen erleben, dann zu dritt!

Hattet ihr schon ein Erlebnis zu dritt?

Wir sind bisher mit 3 verschiedenen Frauen zusammen im Bett gewesen. Es ist bisher nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Die Zärtlichkeit fehlte, nur reiner Sex ? war im Pärchenclub.

Geht ihr denn häufiger in Pärchenclubs?

Vier bis fünf Mal im Jahr. Häufiger schaffen wir das gar nicht. Und einmal im Monat sind wir auf dem Chattertreffen von poppen.de.

Welche Leute sind denn da so auf so einem Chattertreffen?

Ganz normale Leute von poppen.de – ohne sexuellen Hintergedanken. Von 20 bis 60 Jahren. Solo-Männer, Solo-Frauen und Pärchen.

Hat sich da denn schon etwas ergeben?

Nein. Das soll auch nicht dafür sein. Schönen Abend, Essen, Trinken, Quatsch machen. Sehr schön, aber mehr nicht!

Wie stellt ihr euch das Ausleben von Steffis Bisexualität vor?

Eine Beziehung zu dritt ? das wäre das Optimalste, wenn sich das ergeben würde. Wir sind der Meinung, das Sexuelle kann sich nur ergeben, wenn man sich länger kennt. Durch solch eine Freundschaft kann man viel mehr von einem anderen Menschen erfahren.

Wie denkt ihr über Eifersucht?

Eine gesunde Eifersucht gehört auch dazu. Zu jeder Beziehung. Wer liebt, ist auch eifersüchtig. In einer 3er-Beziehung ist das aber kein Problem, wenn man viel miteinander redet.

Wer weiß davon?

Meine Mutter habe ich vor 1 Jahr geschockt. Mittlerweile sagt sie, es sei mein Ding, ich soll damit leben. Mit 14 habe ich entdeckt, dass ich auch In- teresse an Frauen habe.

Wissen eure Kinder davon?

Unsere Kinder wissen davon. Unser Sohn, der Kleinste ist 8 Jahre alt, und unsere Tochter 16.

Und wie gehen sie damit um? Erzählen sie das auch anderen?

Die Tochter erzählt das anderen Freundinnen. Sie hat damit keine Probleme. Sie guckt sich auch nach Frauen um. Sie will später auch mal ausprobieren, wie es mit Frauen ist. Sie geht damit ganz locker um. Der Kleine hat mal in der Grundschule erzählt, dass Mama auch etwas mit Frauen hat. Wenn die anderen damit nicht leben können, ist das deren Problem. Wir können damit leben. Ist unser Leben. In der heutigen Zeit muss man die Kinder rechtzeitig aufklären.

Wie war denn deine eigene Aufklärung?

Ich hatte, bevor ich Mike kennen gelernt habe, nicht viel mit Sex am Hut. Hatte vorher keinen Orgasmus gehabt. Ich dachte mir: „Einmal noch mit nem Mann Sex haben, sonst gehe ich nur noch mit Frauen ins Bett!“ Und dann kam Mike, und es hat doch geklappt.

Mike, du bist aber nicht bi?

Nein. Ich find nichts Besonderes an Männern. Ich muss aber eins sagen: Ich mache auch Quatsch mit Männern mit. Aber keinen Sex. Damals beim Flaschendrehen habe ich einem einen Kuss gegeben usw. Heute gibt?s auch noch mal einen Kuss auf die Wange, aber mehr nicht!

Du hast aber kein Problem mit Männern, die auf Männer stehen? Findest es auch nicht eklig?

Nein. Ich habe nur einfach kein Interesse. Das einzige, was mich früher gestört hatte, war, wenn Schwule nicht zugegeben haben, dass sie schwul sind. Aber heute ist das ja alles kein Problem mehr.

Hattest du vorher davon geträumt, so etwas zu erleben, Mike?

Davon hat wohl jeder Mann schon mal geträumt! Ich jedenfalls habe schon davon geträumt, mit zwei Frauen zu schlafen. Mit 17 hatte ich schon mal das Vergnügen. Darauf hingearbeitet habe ich aber nicht.

Noch mal zurück zur Beziehung zu dritt: Welche Vorteile / Nachteile seht ihr?

Schön wäre es, wenn man unter einem Dach wohnt, muss aber nicht sein. Ein Vorteil wäre, dass man auch andere Sachen zusammen machen kann: Schwimmen, Shopping, Spazieren gehen, was man in einer normalen Zwei- erbeziehung auch macht, auch Lust auf Sex ? wenn die eine keine Lust hat …. oder er mal keine Lust auf Sex hat.

Gibt es kein Ungleichgewicht wegen der gemeinsamen Kinder?

Es sind nicht unsere gemeinsamen Kinder, sondern jeweils mit einem Ex- Partner. Bei einer dritten Frau wäre es auch kein Problem, wenn sie Kinder hat.

Was ist, wenn die Frau einen Freund hat?

Nein. Das käme nicht in Frage. Wegen vieler schlechter Erfahrungen von Steffi käme bei uns kein anderer Mann ins Bett. Das einzige, womit man sich auseinander setzen müsste: Wenn sie einen anderen Mann kennen lernen würde …. Man könnte dann ja noch eine gute Freundschaft erleben.

Seht ihr eine reelle Chance, dass sich diese Dreierbeziehung verwirklichen lässt?

Die Wahrscheinlichkeit ist wohl sehr gering. Wenn es halt nicht ist, dann ist es halt nicht. Wir sind nicht krampfhaft auf der Suche. Wenn es nicht bis zum Lebensende so sein sollte, dann … Wir haben eben die anderen Sachen erlebt!

8. Manuela, 29 Jahre und Michael, 31 Jahre, aus Ludwigshafen, paar-crazy@gmx.de

Ihr seid ein bisexuelles Paar, das bei www.poppen.de(externer Link) den Profilnamen „Different“ trägt. Empfindet ihr euch als „different“, als „anders“ – warum?

Nun ja … anders, das sind wir auf alle Fälle, wenn auch nicht so, wie man vielleicht vermutet. Wir sind eher „spießig“, legen viel Wert auf Anstand und den guten Umgang auch mit fremden Menschen. Respekt für sein Gegenü- ber ist uns wichtig. Klar vom Aussehen und unserer Art von Beziehung sind wir anders. Aber das ist auch nicht so, dass wir irgendeinem Stil nachlaufen, sondern wir haben uns dazu entwickelt und wollen zu keiner Gruppe oder so gehören … wir sind wir *sing*!

Wie stellt ihr euch euer Bi-Leben vor? Bzw. wie lebt ihr es bereits?

Das Bi-Leben ist schwer zu führen. Leider sind immer alle nur mit der Klappe tolerant und aufgeschlossen. „Beute“, das in unser Schema richtig gut passt, ist selten. Wir haben schon so einiges an Beziehungsformen ausprobiert. An- fangs zusammen mit einer Freundin die ersten Erfahrungen zu dritt. Dann mal im Swingerclub mit anderen Paaren. Irgendwann hatten wir dann für kurze Zeit ne „offene Beziehung“, haben aber festgestellt, dass uns der Sex mit dem anderen Geschlecht ohne den Partner keinen Spaß macht, es lang- weilt. Auch der Sex mit dem eigenen Geschlecht macht ohne den Partner nur halb so viel Spaß. Am liebsten ist uns mal eine Frau und mal einen Mann da- bei zu haben. Klar, darf auch eine Freundschaft und Gefühle entstehen. Das entsteht immer, wenn man jemanden mag. Aber die Mitspieler haben meist nicht den nötigen Abstand, um das gut zu vereinbaren. Die besten Erfah- rungen haben wir auf Partys wie der Kitkat (www.kitkatclub.de, Anm. der Red.) gemacht. Sehen, Nehmen, Ge- nießen … leider sind wir sehr schüch- tern … *schmoll*

Manuela und Michael

Haben für euch beide Geschlechter einen eigenen Reiz?

Klar haben beide Geschlechter ihren eigenen Reiz, aber wir machen uns wenig Gedanken darum, wer was und wie ist. Wir stehen beide auf sehr androgyne Typen, das Geschlecht ist relativ egal. Und wir mögen beide vor allem orale Spiele… und was man da verwöhnt, ist eigentlich fast egal (ist aufs Geschlecht bezogen, nicht auf die Menschen *smile*).

Wie seid ihr darauf gekommen, dass ihr bisexuell seid? Seit wann wisst Ihr es? Seid ihr gleich locker damit umgegangen, oder ward ihr zuerst irritiert?

Manu weiß schon lange, dass sie sogar mehr auf Frauen als auf Männer steht. Michael hatte nie ein Problem damit, hat aber erst spät sich selbst eingestanden, auch auf Jungs zu stehen. Man muss vielleicht mal erwähnen, wenn wir von lange und früh usw. reden, hat das einen Grund … wir sind jetzt schon im 15. Jahr unserer Beziehung und sind beide jungfräulich mit 14

und 17 Jahren in die Beziehung gegangen. Wir haben uns also wirklich zu- sammen zu dem entwickelt, was wir heute sind. Der Sex mit anderen Leuten hat vor ca. 5 Jahren mit der besagten Freundin angefangen. Ich (Michael) habe meine ersten Bi-Erfahrungen vor ca. 2 Jahren gemacht. Aber wir sehen uns nicht als hetero, bi, homo … wir mögen auch diese Schubladen nicht, wir alles sind doch einfach sexuell ? ohne Vorsilbe.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Zusammengekommen sind wir gleich 2 Stunden nachdem wir uns kennen gelernt haben. Sie war die Schwester eines Schulfreundes, und wir waren alle zusammen am 5.5.1992 auf dem Toten Hosen-Konzert in Ludwigshafen *in Erinnerung schwelg* … ja, und so ist das jedes Jahr unser Jahrestag. 2007 zum 15. Mal.

Seid ihr geoutet? Welche Erfahrungen habt ihr mit Freunden / Familie ge- macht? Haben sie eure Bisexualität akzeptiert?

Wir scheißen auf alle. *lach* Wir sind selbständig (Tattoo & Piercingstu- dio/Onlineshop für Klamotten). Alle, die mit uns zu tun haben, wissen, wie wir sind … auch wer?s nicht wissen will. Wir finden, jeder der nicht geoutet ist, stärkt die Homophobie in diesem Land, das darf nicht sein. Wir tun alle nichts, wofür wir uns schämen müssten.

Sind für euch Bisexuelle anders als Homo- oder Heterosexuelle? Z.B. sensib- ler und offener? Oder kann man das nicht pauschalisieren?

Homo-Männer sind einfach noch größere Machos als Heteros … furchtbar. *lach* Homofrauen, die nie was mit Männern hatten, also 100% Homos = Alarmglocke!!! Ich (Michael) bin da nicht sonderlich angetan von. Schlechte Erfahrungen, aber vielleicht zu Unrecht pauschalisiert. Dennoch sind Homo- männer (nicht Boys) einfach offener gegenüber allem, auch wenn es nicht ihr Lebensweg ist. Bi-Mädels sind meist eh nur bi, weil's schick ist, Bi-Boys selten geoutet.

Interviews durchgeführt durch Frank

Aktualisiert: 01/2007
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