Eine Frage, die sich auf Anhieb gar nicht so leicht beantworten lässt. Der Begriff Transgender ist eine Bezeichnung, die sich in den letzten Jahren bei uns eingebürgert hat.
Doch wie so viele Anglizismen verwischt auch dieser Begriff Grenzen. Das hat positive, wie negative Effekte. Es handelt sich vor allem um eine Sammelbezeichnung für Transsexuelle, Transvestiten, Travestie etc.
Positiv zu bewerten ist, dass dadurch der Begriff „transsexuell“ langsam verdrängt wird – eine Bezeichnung, welche ebenso diskriminierend wie falsch ist. Denn immerhin geht es hier ja nicht um eine sexuelle Orientierung. Es gibt hetero-, homo- und bisexuelle Transgender.
Ich spreche statt von Transsexualität lieber von Transidentität: eine Bezeichnung, die der Problematik am weitesten gerecht wird. Aus mir unverständlichen Gründen konnte sich der Begriff nie durchsetzen. Im Duden suchen wir vergeblich danach.
Einen negativen Aspekt verbinde ich mit „transgender“, da ,wie schon erwähnt, wichtige Grenzen überschritten werden.
Ich möchte ein Beispiel benennen: Im Rahmen meines Outings als Transgender wurde ich von einigen daraufhin angesprochen, dass ich noch nie mit weiblicher Bekleidung auf BiNe-Treffen anzutreffen war. Eine durchaus berechtigte Frage. Die Antwort aber ist einfach: Ich bin kein Transvestit!
Ein männlicher Transvestit findet es toll, sich Frauenkleidung zu besorgen, diese (heimlich oder öffentlich) zu tragen. Mit seinem Körper, seiner Identität und seiner Sozialisierung in der Gesellschaft hat ein Transvestit üblicherweise kaum Probleme.
Anders bei mir. Die Kleiderfrage nahm bei mir, bis auf winzige Ausnahmen, bisher nur eine äußerst untergeordnete Rolle ein. Es ist der weibliche Körper, den ich statt meines männlichen besitzen möchte, sowie die damit verbundene Sozialisierung.
Ein kaum zu realisierendes Unterfangen. Da gibt es keinen Kleiderschrank, wo du dich mal eben bedienen kannst!
Eine Transidentität – das bedeutet das Gefühl, 24 Stunden am Tag im falschen Körper zu stecken. Das bedeutet, beim Blick in den Spiegel einen Fremden zu erblicken.
Es bedeutet, dass jedes Wort, das über deine Lippen kommt, falsch ist, ganz einfach, da es mit einer Männerstimme gesprochen ist. Jeder Handgriff, den du tätigst, ist falsch, weil von einer Männerhand ausgeführt.
Verlässt du die Wohnung, nimmt dich die Umwelt als Mann wahr und behandelt dich entsprechend. Du wirst auf die Rolle des Mannes festgelegt, da gibt es kein Entrinnen, auch wenn dir das zu 100% zuwider läuft. Dein Körper wird zum Gefängnis. Deine Seele lebt ein Leben im Exil.
Körper, Geist und Seele finden nie zueinander, können keine harmonische Ganzheit entwickeln. Die Folge: Dauerstress. Anhaltende, kaum therapierbare Depressionen und psychosomatische Beschwerden aller Art.
Der Wunsch, den Körper des anderen Geschlechtes zu besitzen, wird zur fixen Idee, die dich, wenn du nicht stark genug bist, allzu leicht in den Wahnsinn treibt.
Hinzu kommen die alltäglichen Diskriminierungen, ob bewusst oder unbewusst.
Systematisch scheidest du aus der Gesellschaft und ihren betonierten Rollenverständnis aus. Du versuchst, alles um dich zu integrieren, aber du schaffst es nicht. Du beginnst, Masken zu tragen, um überleben zu können. Zum Schein gelingt es dir vielleicht, dein biologisches Geschlecht irgendwann zu akzeptieren. Die Maske wächst mit deinem Gesicht zusammen, nicht jedoch mit deiner Seele. Je mehr du dein wirkliches Ich ablehnst und dagegen ankämpfst, desto mieser fühlst du dich.
Doch die Tarnung ist lebenswichtig. Du hast eine Familie, Verwandte, einen Freundeskreis. Panische Angst erfüllt dich, wenn du daran denkst, was wohl geschehen mag, wenn es einmal herauskommt. Du bist geächtet. Verhöhnt, verspottet. Schwächling, Schlappschwanz, Weichei sind noch die harmlosesten Bezeichnungen.
Transgender gelten als letztes Tabu, auf deren Kosten man nach Herzenslust Witze reißen kann. Es gibt kein Gesetz, was dich schützen könnte. Großen Schaden richten in diesem Zusammenhang die Medien an, mit ihrer verzerrten Darstellung von Transgendern. Das geht weit unter die Gürtellinie. Niemand fragt je danach, wie Betroffene sich beim Anblick von Transgenderszenen in seichten Comedy-Serien fühlen. Mit dem Leid von Minderheiten lässt sich prächtig Geld verdienen.
Ich könnte noch unzählige Beispiele anfügen, verzichte aber darauf.
Wer all das Beschriebene am eigenen Leib erfahren und durchlitten hat, darf sich mit gutem Gewissen Transgender nennen.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, mal auf einer CSD-Party ein Röckchen überzustreifen, um den Eindruck zu erwecken, dem anderen Geschlecht anzugehören. Transgender bist du deshalb noch lange nicht.
Ich bitte um Nachsicht, wenn ich hier vor allem die Situation von „Mann- zu-Frau"-Transgendern beschrieben habe. Mit Sicherheit ist die umgekehrte Variante des Frau-zu-Mann-Transgenders nicht viel leichter zu ertragen.
Was haben nun Bisexuelle mit dieser Problematik zu tun?
Sehr viel! Bisexuelle können sich Transgendern als wichtige Verbündete erweisen. Denn an denen mangelt es gewaltig. Selbst viele Bereiche in der Schwulenszene sind nicht frei von Vorurteilen. Bisexuelle Transgender sind am besten dran.
Auch, was Partnerschaft betrifft, können sich Bisexuelle und Transgender ergänzen. Was könnte es für einen Transgender Besseres geben als einen/eine bisexu- elle/n Partner/Partnerin zu haben?
Es gibt noch viel zu tun. BiNe kann wie in vielen anderen Angelegenheiten auch in dieser Frage Vorreiter sein. Ich bin überzeugt, BiNe nimmt diese Aufgabe sehr ernst.
Maik Eisfeld (Madeleine)