Bijou 22

ROSA BAHN (BiJou 22)

„Ich sehe den Menschen, der vor mir steht“

Im Oktober 2005 hat der Beirat der TRANSNET die Einrichtung von „Regenbogen"-Strukturen beschlossen. Damit soll die Vertretung homo- und bisexueller Bahnbeschäftigter sowie von Transgendern gestärkt werden. In München hat die Gruppe „Rosa Bahn“ begonnen, die Struktur umzusetzen. Bis heute nur außergewerkschaftlich, da sich nach Ansicht des OV München, noch nicht genug Kollegen fanden.

Rosa ICE mit Regenbogenfahnen
Die Rosa Bahn

Irgendwann hat sich Günter Hassolt geoutet. Spätestens seitdem weiß der Rangierer, was es heißt, schwul zu sein und in einer Männerdomäne zu arbeiten. „Ich habe sämtliche Sprüche durch“, winkt der 43-jährige ab. „Am bizarrsten war der Vorwurf, ich würde versuchen, unsere Azubis umzudrehen.“ Eigentlich kann Günter Hassolt darüber nur lächeln. „Umdrehen kann man keinen. Aber die Vorurteile sitzen halt zu tief.“

Geschichten von Vorurteilen, von offenen und versteckten Diskriminierungen bis hin zum Mobbing können fast alle der derzeit acht Mitglieder von Rosa Bahn in München erzählen. Die Gruppe ist bereits im Januar 2005 gegründet worden. Anstoß war das schwullesbische Sportfest EuroGames im Spätsommer 2004 in München. „Einige von uns hatten für die Teilnahme an den Spielen Urlaub genommen“, erzählt Gruppengründer Werner Hagedorn. „Sie waren damit auch in der Öffentlichkeit aufgetreten. Das war für viele geradezu eine Einladung zum Mobbing.“

„Einarmige alleinerziehende Väter“

Die Gruppe Rosa Bahn wollte endlich eine Plattform bilden, um den ständigen Diskriminierungen entgegenzuwirken. „Es wird einfach immer noch mit zweierlei Maß gemessen“, sagt Werner Hagedorn. „Erzählt ein Familienvater am Montag von einem Wochenendausflug mit seiner Familie, ist alles in Ordnung, Erzählt ein Homosexueller vom Wochenende mit seinem Freund, gilt das oft schon als Störung des Betriebsfriedens.“ Auch Werner Hagedorn, TRANSNET-VP der OV München, hatte nach der Gründung von Rosa Bahn seine Auseinandersetzung mit dem Vorgesetzten. Sie endete, wie er es heute formuliert, in einer „freiwilligen Zwangsversetzung“. Viele Vorgesetzte, sagt er, „sind der Meinung, Schwule und Lesben sind voll integriert und bräuchten keine eigene Gruppe. So wurde es uns zum Beispiel bei der Münchener S-Bahn gesagt: „Da könnten ja auch die einarmigen, allein-erziehenden Väter kommen.“

Als bekennender Bisexueller lebt Werner Hagedorn mit einer Frau zusammen. Patricia Meindl engagiert sich als Schriftführerin bei Rosa Bahn. Schon das genügte, um ihre Vor-gesetzten im Reisezentrum im Münchner Hauptbahnhof rotieren zu lassen. Ein halbes Jahr lang bekam sie nur Spätschichten. „Ich hatte fast den Eindruck, sie wollten mein Privatleben kontrollieren.“ Die 47-jährige schaltete den Betriebsrat ein und erreichte, dass sie wieder in den normalen Schichtplan eingefügt wurde. „Ich hasse Ungerechtigkeit“, sagt Patricia Meindl und begründet damit zugleich ihr Engagement bei Rosa Bahn. „Ich habe es auch erlebt, dass ein Kollege im Reisezentrum sich geweigert hat, einen Kunden zu bedienen, der offenbar transsexuell war. Natürlich habe ich ihn dann bedient. Ich sehe nur den Menschen, der vor mir steht.“ Mit dem betreffenden Kollegen habe sich dann hinterher allerdings auch noch mal ein Gespräch geführt. „Denn wer ein Problem mit Menschen hat, der hat auch ein Problem mit mir.“

Einiges erreicht

In den zwei Jahren des Bestehens von Rosa Bahn haben die acht Mitglieder einiges erreicht. Im Juli 2006 traten sie erstmals im Rahmen des Christopher Street Day (CSD) in München mit einem eigenen Stand an die Öffentlichkeit. „Rosa Bahn“ ist in der schwullesbischen Szene der bayerischen Landeshauptstadt verankert und hat Kontakte zu ähnlichen Gruppen in anderen Gewerkschaften und anderen Unternehmen.

Ziel der Gruppe ist, in den Betrieben ein Klima zu fördern, in dem die Verschiedenheit selbstverständlich ist, in dem Schwule und Lesben ohne Karrierehindernisse arbeiten können und sich nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung verstecken müssen. Eigentlich müsste Rosa Bahn damit bei Managern und Unternehmensberatern offene Türen einrennen. Denn „Diversity Management“ ist eines der großen Schlagworte moderner Unternehmensführung. Durch „Diversity“ soll die Verschiedenheit der Mitarbeiter zum Wohle aller, auch des Unternehmens, gefördert werden. Das klingt gut. Aber nur so lange, wie die Beschäftigten nicht auf die Idee kommen, die „Diversity“ offensiv einzufordern. Rosa Bahn z. B. wird bis heute nicht als innerbetriebliche Gruppe gemäß § 75 BetrVG anerkannt. Als solche hätte sie die Möglichkeit, zum Beispiel Flyer zu verteilen und eine Freischaltung Ihrer Homepage im Intranet zu bekommen. Für Werner Hagedorn ist diese Ablehnung völlig unverständlich. „Wir wollen dem Unternehmen klarmachen, dass es sich durch die Ausgrenzung homo- und bisexueller Mitarbeiter um echte Potenziale bringt“, sagt der 56-jährige. „Ein ungeouteter homosexueller Mitarbeiter verwendet enorm viel Kraft und Energie darauf, im Berufsleben nicht aufzufallen. Das geht auch dem Unternehmen verloren.“

Mehr Informationen unter www.rosa-bahn.de(externer Link) oder unter info@rosa-bahn.de

Werner

Aktualisiert: 12/2007
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