Bijou 22

Bisexualität und Religion? (BiJou 22)

Bisexualität und Religion?

Ich bin eine 54jährige, glücklich verheiratete, bisexuelle Christin. Eine Lutherische.

Nun kommt uns Christen doch nicht ständig mit dem Alten Testament! Das AT ist großartige Literatur, kann aber nur im historischen Kontext verstanden werden. Es besteht aus vielen Büchern, die sehr unterschiedliche Themen behandeln. Das gibt es die Gründungsmythen des israelitischen Volkes, langweilige Chronologien, ein Gesangbuch (Psalter), Romane (Ruth, Ester), Kriegsberichterstattung, frauenfeindliche Spruchsammlungen, Hocherotisches (das Lied Salomos), die sozialkritischen, z. T. revolutionären Texte der Prophetenbücher – und eben eine für uns heute überaus befremdliche Gesetzessammlung. Schwulenfeindlich in der Tat! Zugleich gibt es aber auch die zarte Geschichte zwischen David und Jonathan … Ein Nomadenstamm war in jener fernen Zeit auf Nachwuchs angewiesen, um nicht auszusterben. Das mag die Schwulenfeindlichkeit des AT zum Teil erklären. Natürlich können/dürfen wir heute, in unserer Zeit, das nicht mehr wörtlich nehmen. Dann müssten wir ja auch noch ganz andere Dinge wörtlich nehmen, die historisch überholt sind. Stürbe mein Mann vor mir – was Gott verhüten möge – müsste ich nach den Regeln des AT seinem Bruder als Zweitfrau beigegeben werden. Wer will denn so was? Ordentliche Theologie weiß die Aussagen vom Glauben an den barmherzigen Gott wohl zu unterscheiden von zeitbedingten Vorstellungen, denen wir nicht mehr folgen können. Soweit dazu.

Bisexualität ist eine der vielen Formen der Sexualität, die im Laufe einer Biographie vorkommen – und einander auch abwechseln können. Es gibt im AT genug erotische Geschichten, die es uns erlauben, auch die Bisexualität als „gute Gabe Gottes“ anzunehmen. Ich jedenfalls bin überzeugt davon, dass es Gottes Wille war, mich meine Bisexualität entdecken und meine Freude daran empfinden zu lassen. Es könnte so einfach sein … wenn die Kirchen endlich begriffen, dass die „sündhaften“ Beziehungen (Sünde gleich Graben zwischen Gott und seinen Menschen) eben nicht die Beziehungen ohne Trauschein oder jene zwischen Menschen gleichen Geschlechts sind. Für mich sind sündhaft die ausbeuterischen Beziehungen: der Doktorand z. B. , der seine Freundin die Doktorarbeit tippen und korrigieren lässt, um sie bald darauf zugunsten einer Arzttochter zu verlassen, deren Vater einen Nachfolger für die Praxis sucht … usw. usw.

Nur: Die Botschaft jenes kleinen Wanderpredigers Jesus aus Nazareth, der sich – wie erzählt wird – die Freiheit nahm, haufenweise Konventionen zu verletzen (mit fremden Frauen reden, mit verhassten Zöllnern zu Abend zu essen, Aussätzige anzufassen) … das ist das eine, das Kostbare. Die Kirchen, jene in Jahrhunderten gewachsenen Machtstrukturen – oft genug mit Diktaturen verbandelt! – sind das andere.

Wer seine Sexualität als Gottesgeschenk entdeckt und Freude an ihr hat, wer aufrichtige, nicht ausbeutende Beziehungen lebt – wie sollte er/sie durch überholte Interpretationen des AT zu erschrecken sein?

Ich weiß mich mit Jesus von Nazareth – und auch seinem Interpreten Paulus – darin einig: Der Glaube an Gott, der im ersten der zehn Gebote als Gott der Befreiung aus der Sklaverei erzählt wird, dieser Glaube macht frei und atmend! (Dass der verzwickt denkende und schreibende Paulus sich dennoch schwulenfeindlich äußert, mag mit der hellenistischen Umgebung zu tun haben, in der die Beziehungen zwischen Männern und Knaben eben auch ausbeuterische waren, genau wissen wir das aber nicht.) Für uns heute darf aber gelten: Freimachender Glaube bläst frischen Wind in den Mief und Muff der Kirchen, ein Wind, von dem ge-tragen wir Bisexuelle die Kirchen mit barmherzigem Humor er-tragen können. Leute, haltet Euch nicht auf mit Zorn! Die Liebe trägt viel weiter! Lacht, tanzt und betet … liebt!

Leona

Bibelwurf – Cartoon von Martin

Bisexualität und Kirche

Ich bin im christlichen Glauben erzogen worden, von zwei gläubigen Frauen, die mich lehrten, dass Gott reine Liebe sei. In diesem Glauben an das Göttliche, in all seinen Möglichkeiten der Religionsverbindungen, musste ich mich nie rechtfertigen, dass ich auch Frauen liebe. Sicherlich war die Einstellung der Kirche zur Homosexualität auch bei uns ein Thema, mit dem wir kritisch umgingen, was mir jedoch immer wieder zeigte, dass die römisch-katholische Kirche eigentlich wenig mit Gott zu tun hat.

Heute ist mir klar, dass ich auf einer wundervollen Insel der Toleranz und Annahme aufwuchs und nie daran zweifeln musste, dass ich geliebt wurde, sowohl von meiner Familie als auch von Gott.

Ich kenne die Formalia der Kirche, mir ist jedoch nie bewusst gewesen, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht einmal die Kommunion erhalten dürfte, somit also außerhalb der katholischen Kirche stehe. Ich bin ausgeschlossen, weil ich Menschen liebe, mit Herz und Körper. Innerhalb der katholischen Kirche wird sehr wohl unterschieden zwischen „angewandter“, also aktiver Homosexualität, welche klar abgelehnt wird und passiver Homosexualität, welche akzeptiert wird, da das homosexuelle Sein, nicht als Sünde oder Sittenlosigkeit angesehen wird.

Die ablehnende Haltung zur aktiven Homosexualität hat der Vatikan mit seiner Verlautbarung des Apostolischen Stuhles 162, 2003 erneut bekräftigt.

… Homosexuelle Beziehungen werden „in der Heiligen Schrift als schwere Verirrungen verurteilt … (vgl. Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10). Dieses Urteil der Heiligen Schrift erlaubt zwar nicht den Schluss, dass alle, die an dieser Anomalie leiden, persönlich dafür verantwortlich sind, bezeugt aber, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind“ … Nach der Lehre der Kirche kann die Achtung gegenüber homosexuellen Personen in keiner Weise zur Billigung des homosexuellen Verhaltens oder zur rechtlichen Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften führen … während die homosexuellen Beziehungen gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen … (Auszug aus der Erklärung 162 des Apostolischen Stuhls von 2003)

Interessanterweise werden in den Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles hinsichtlich der Widernatürlichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen nicht die Evangelien zitiert, sondern aus den Briefen, die in ihrem historischen Kontext betrachtet werden sollten.

Innerhalb der Evangelien wir die Homosexualität nicht verurteilt, noch angesprochen, wenn es hierzu auch unterschiedliche Auffassungen gibt.

Auch wenn es klare Tendenzen innerhalb der katholischen Kirche gibt, die die ablehnende Haltung des Vatikans hinsichtlich der Homosexualität nicht teilen, wird sich letztendlich nichts an der starren Position ändern. Die Verlautbarung des Apostolischen Stuhles 72, Schreiben der Kongregation der Glaubenslehre von 1986, wurde zwar, wie auch die Verlautbarung 132, noch unter dem alten Papst Johannes Paul geschrieben, jedoch vorn dem heutigen Papst ausgearbeitet. Ratzinger wird sicherlich nicht die römisch-katholische Morallehre in Frage stellen und sich zu einer annehmenden Haltung im Sinne homosexueller Menschen bekennen. Ungeachtet dessen, was es für die Humanisierung der Kirche bedeuten würde, so muss hier doch bedacht werden, dass bei einer solchen Annahme und Gleichstellung, die Kirche jahrelang geprägte Sitten und Glaubensauffassungen damit in Frage stellte. Der geschlechtliche Akt ist für die römische Kirche heute noch, ausschließlich auf seine Zeugungsfunktion beschränkt. Eine Anerkennung der Homosexualität würde hier das Lustprinzip unterstützen und somit ebenfalls Themen wie künstliche Empfängnisverhütung etc. mit einbeziehen. D.h., dass die gänzliche Sexuallehre der katholischen Kirche in Frage stünde, was wiederum in die Bereiche Ehe und Familie greifen könnte. In der Vorstellung unglaublich spannend, ich glaube jedoch nicht, dass die Kirche ihre Machtstellung hinsichtlich der Moral aufgeben möchte.

Die Glaubenslehre der katholischen Kirche hat ihren Schäfchen beigebracht, sich strickt nach Rom zu richten, kaum ein gläubiger Katholik, kennt die Bibel wirklich oder hat sich mit ihr auseinandergesetzt. Die Grundzüge der Evangelien sind ihnen bekannt, diese jedoch machen nur einen kleinen Teil dieses wunderbaren Buches aus, mit dem man die Haltung der Kirche schlagen könnte und in dem immer wieder von der Herrlichkeit Gottes und seiner Liebe zu lesen ist. Dann stellt sich doch die Frage, kann Gott, der unfehlbar ist, so sehr in seiner Schöpfung versagt haben, als er uns schuf? Wir sind ja nicht nur eine klitzekleine Schar „Nicht-Heterosexueller“, sondern machen ca. 10% der Bundesbevölkerung aus, eine Prozentzahl, die sich sicherlich auch auf andere Länder übertragen lässt. Ich bezweifle, dass diese Frage häufig gestellt wird, sie würde viel Unruhe zwischen den Gläubigen und Rom stiften.

Ich habe mir lange überlegt, ob die katholische Kirche für mich tragbar ist, v.a. da sich mein Glaube mit hinduistischen und keltischen Elementen mischt, für mich jedoch, das „eine Ganze der Göttlichkeit“ existiert in dem alles verbunden ist. Ich habe mir diese Frage erneut gestellt, als mir bewusst wurde, dass diese Kirche mich ablehnt. Aber mit dieser Ablehnung stellt sie ihren Namen in Frage. Denn das Wörtchen „katholisch“ leitet sich von dem griechischen Wort katholikós ab, was wiederum „alle betreffend“ bedeutet und ich im Sinne der Menschenliebe verstehe. Somit ist die katholische Kirche in ihrer wörtlichen Bedeutung ein alle betreffendes Gotteshaus, was ich als einen sehr tröstlichen Gedanken empfinde.

Ich persönlich glaube nicht, dass die Göttlichkeit mich ausschließt, wenn auch ihre selbsternannten Vertreter dies tun. Ich lebe immer noch auf meiner wunderbaren Insel der Toleranz und Liebe und bin stolz, dass meine Tochter ebenso verwirrt den Kopf darüber schüttelt, was Rom von sich gibt, wie ich. Und um es mit ihren Worten zu sagen: Du kannst vielleicht jemandem verbieten in die Kirche zu gehen, oder zur Kommunion, aber du kannst niemandem den Glauben verbieten und das ist das wirklich Wichtige. Ich gehe trotzdem noch zur Kommunion, in die Kirche und bin mir sicher, Gott freut sich über mich. Denn für mich gilt Gal 2,26,28 Ihr seid also alle Kinder Gottes. Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Mann und Weib. Denn ihr alle seid einer in Jesus Christus.

Kati

Aktualisiert: 12/2007
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