Bijou 21

Polyamory – die Zweite!

Der Workshop „Polyamory“ aus Astrids Sicht

Obwohl natürlich nicht alle BiNe-Mitglieder in Mehrfachbeziehungen leben, hatte ich immer das Gefühl, dass dieses Thema in einem bisexuellen Kontext eine gewisse Bedeutung hat … deswegen fand ich es spannend, als die Idee entstand, einen Gesprächskreis über Polyamorie zu organisieren.

Mir war dabei wichtig, als Initiatorinnen des Workshops nicht in eine „Expertinnen"-Rolle zu geraten und uns nicht auf die Definition und Abgrenzung oft all zu starrer Kategorien zu beschränken. Mein Interesse richtete sich vor allem darauf, einen offenen und kreativen Austausch über Erfahrungen, Ängste und Utopien zum Thema Mehrfachbeziehungen zu ermög- lichen. Und ich gab bewusst dem Wort „Mehrfachbeziehung“ den Vorrang, da ich im Vorfeld das Gefühl hatte, dass der Polyamory-Begriff gewisse Ängste auszulösen schien.

Unser Gesprächskreis am BiNe-Treffen lief dann ganz anders ab. Vielleicht war es der Einbezug einer kreativen Dynamik, vielleicht die Gruppe selbst, die das Gespräch mehr auf Vorstellungen und Träume als auf Abgrenzungen und Kategorien lenkte. Für mich sehr anregend und vielfältig, allerdings kamen dabei vielleicht TeilnehmerInnen zu kurz, die eher konkrete Handlungstipps erwartet hatten, aber der Austausch lässt sich ja bei anderer Gelegenheit fortsetzen …

Vielen Dank an Anne und Marlies, ich empfand die Zusammenarbeit mit euch als sehr fließend und angenehm, und an alle TeilnehmerInnen für ihre Kreativität und interessanten Gedanken …

Astrid

Aus Annes Sicht

Ein eigener Workshop war schon lange mein Wunsch, weil ich das Bedürfnis hatte, etwas von dem Schönen, was ich bei den Treffen in Workshops erlebt habe, zurückzugeben. Das Problem war nur: Was kann ich denn? Weder Yoga, noch Tanzen könnte ich anderen vermitteln, auch von Theater oder Biodanza versteh ich nichts. Mir fehlte einfach eine Idee.

Dann wuchs ich in den letzten zwei Jahren in die „Polyamory"-Bewegung hinein. Hab viel gelesen, viel erlebt, viel darüber geredet und auch ein Polytreffen in Hamburg veranstaltet. Bald stellte sich heraus, dass es zwischen den Menschen, die ich von BiNe kenne, und denen, die ich von Polytreffen kenne, Überschneidungen gibt.

Dazu gehört auch Marlies, die sich seit langem immer wieder für eine Verbindung beider Felder einsetzt. Auf dem letzten Konzepttreffen wurde dann endgültig die Idee geboren, einen Poly-Workshop anzubieten. Astrid, Marlies und ich, die sich alle drei beiden Bewegungen verbunden fühlen, haben dann angefangen zu denken, und über viel Mailverkehr zwischen Norddeutschland und Südspanien wuchs eine Idee, wie es klappen könnte.

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir uns getraut haben. Es gab einige Menschen beim BiNe-Treffen in Göttingen, die Lust auf das Thema „Polyamory“ hatten, und ich selbst nehme immer wieder Anregungen aus Gesprächen darüber mit.

Besonders schön fand ich die Idee von Astrid, durch das Malen von Bildern noch mal einen anderen, emotionaleren Zugang zu dem Thema zu bekommen, und ich finde, man sieht den Bildern an, wie bunt und unterschiedlich unsere Wünsche an die Idee „Ich möchte mehr als einen Menschen lieben“ sind.

Vielen Dank an alle, die dabei waren und ihre Ideen und Wünsche mit uns geteilt haben!

Anne

Aus Sicht von Marlies

Meine Beweggründe, bei einem der nächsten Treffen (Meschede war noch zu kurzfristig) einen Polyamory-Workshop anzubieten, haben sich entwickelt. Zunächst kam ich Ende 2002 auf schicksalhafte Weise in Bi-Kreise durch die Suche nach einer Frau nach einer gescheiterten monogamen (bzw. fälschlich dafür gehaltenen) bis dahin 16-jährigen Ehe. Wie es im Leben so spielt, kam dann alles anders als gedacht, denn ich verliebte mich in einen Bi-Mann. Bereits 6 Monate später hatten wir eine „Menage a trois“ mit einer Bi-Frau. Mein Partner wollte aber nicht nur einen Mann zusätzlich (was ich als bi-fühlende sehr gut akzeptieren konnte/kann), sondern hatte auch Sehnsucht nach weiteren Frauen, und ich wagte den Versuch, mich darauf einzulassen. Nach einiger Zeit bemerkte ich jedoch ein Ungleichgewicht und konnte dann den Avancen eines Mannes, mit dem ich immer noch eine Beziehung habe, nicht widerstehen. Die Dreierbeziehung wandelte sich in eine gute sehr vertraute Freundschaft und hat ebenfalls bis heute Bestand.

Dann verliebte ich mich in eine Frau und durch den Einstieg in die Mailingliste www.polyamory.ch(externer Link) dann anlässlich eines Polytreffens in einen weiteren Mann. Mein ursprünglicher Hauptpartner trennte sich von mir – nicht aus der Tatsache heraus, dass er polyamor nicht leben kann, sondern dass unsere weiteren Lebenswünsche zu unterschiedlich waren. Glücklicherweise verstehen wir uns nach wie vor freundschaftlich sehr gut. Eine weitere Beziehung zu einem Bi-Mann konnte ich 7 Monate genießen, bis er sich für seinen schwulen Partner zu einer monogamen Beziehung entschloss. Auch hier gibt es nach wie vor weiterhin ein gutes Freundschaftsverhältnis.

Bilder aus dem Poly-Workshop

Dafür hat sich auf dem Bi-Treffen in Meschede was ereignet, das dazu ge- führt hat, das ich nun eine weitere Beziehung (diesmal in Hamburg – die anderen sind Fernbeziehungen) habe. Alle Beziehungen sind gleichwertig, wobei ich manchmal vermisse, eine klassische Hauptbeziehung zu haben; eine meiner Lieben meinte zwar, dass mein 17-jähriger Sohn, der bei mir lebt, meine Hauptbeziehung sein würde; dieser Vergleich hinkt aber, da ich eher einen Mangel in einer Partnerschaft sehe. Inzwischen meide ich Definitionen, weil ich sehr viele liebenswerte Menschen um mich her- um habe, die mir einfach gut tun und mit denen ich mich sehr wohl fühle. Meine Vision ist es, in einem Beziehungsnetz und einer Lebensgemeinschaft eines Tages zu leben – liebevoll, offen, ehrlich, kontinuierlich, verlässlich, safe, sich gegenseitig bereichernd, so dass jeder das geben kann, was möglich ist, und nichts geben muss, was unmöglich ist. Alle Erwartungen an einen einzigen Partner zu haben, ist nach meinen Erfahrungen sehr unbefriedigend, da wohl von niemandem erfüllbar. Die Ergänzung der Menschen empfinde ich als ideal.

Durch diese meine Entwicklung und meiner Wahrnehmung, dass einige Bis, die ich von den Treffen her kenne, auch die Entscheidung für das „Sowohl-als-auch“ anstatt „Entweder-oder“ getroffen haben, fand ich es interessant, mal zu analysieren, wohin denn die Bi-Entwicklung geht. Durch das Buch „Ein Frühstück zu dritt“ und dadurch, dass ich in www.polyamory.ch(externer Link) maile, habe ich festgestellt, dass es unter den Bis viele Polys gibt und sich in der Polyliste auch viele Bis tummeln.

Beim Konzeptseminar Anfang 2006 haben sich dann Anne, Astrid und ich spontan zu einer Arbeitsgruppe zusammengefunden, woran noch einige andere teilnahmen; also vom Charakter entsprach dies einem spontanen Poly-Gesprächs-Workshop. Das Resultat war dann eben, einen klassischen Workshop auf einem der nächsten Bi-Treffen zu veranstalten.

Auch beim CSD in Hamburg kam die Vision auf, nicht nur unter der Flagge „bi“, sondern auch unter der Flagge „poly“ zu laufen, was wir dann aber wieder verwarfen, weil ja nicht alle Bis gleichzeitig poly leben möchten.

Bezüglich der Gestaltung des Poly-Workshops in Göttingen hatte ich für mich ursprünglich den kopfmäßigen Ansatz, was analysieren zu wollen und mittels eines Fragebogens die „geheimen“ Wünsche nach Beziehungen und Lebensformen mal abzuklopfen. Nachdem ich selbst aber gemerkt habe, wie unglücklich solche „Schubladendefinitionen“ sein können, war ich schnell vom Ansatz über das Gefühl und die Herangehensweise nach Astrids Vorstellungen über Malen von Bildern überzeugt. Die Teilnehmer des Workshops waren mit der „anonymen“ Veröffentlichung der Bilder in der Bijou dann auch einverstanden, und es wurde daraufhin ein Foto unserer „Arbeit“ gemacht. Ich möchte mir nicht anmaßen, diese Bilder zu kommentieren! Jeder Teilnehmer wird für sich selbst „sein“ Bild im Herzen behalten, und inwieweit Wünsche und Erwartungen umgesetzt werden und Ängste im „real life“ auftreten werden und sich auflösen lassen können, wird sich dann zeigen. Es bleibt spannend, denn niemand weiß mit Sicherheit, wie unser Lebensweg letztendlich verlaufen wird; am Besten ist, wir folgen der Stimme unserer Herzen.

Auf jeden Fall habe ich inzwischen schon einige Bis den Tipp bezüglich der „Polyfamilie“ und einigen Polys den Tipp zur „Bi-Familie“ geben können, und es macht mich glücklich, zumindest dann vermitteln zu können, wenn ich diesen Wunsch von Menschen erkenne. Auch ich weiß nicht, wohin mein Weg noch führen wird, ich weiß nur, dass die von mir gewählte Lebensweise in der jetzigen Phase meines Lebens stimmig ist und mich glücklich macht.

Marlies aus Hamburg

Tanz der Moleküle – die Sicht eines Teilnehmers

Nachdem ich das lange vorbereitet hatte, wurde mir am Anfang des Sommers klar, dass ich mich wieder in einen Mann verlieben würde. Anders als in der Vergangenheit war diesmal, dass ich mit einer Frau verbunden war und dass diese Partnerschaft nicht zu Ende war und ist. Aber mir ging es gut damit. Es war auf eine für mich überraschende Weise richtig und gut so. Gleichzeitig drängte diese Erkenntnis ins Offene, mein Leben intensivierte und beschleunigte sich. Höhen, Tiefen, Ängste, Zufriedenheit, eine große Offenheit dafür, mich neu zu verlieben, der deutliche Wunsch, mit der Partnerin zusammenzubleiben und ein starkes Bedürfnis offen dazu zu stehen.

In der Vergangenheit bin ich eine Zeit lang mit einer Frau gegangen. Nachdem diese Beziehung vorbei war, bin ich eine Zeit mit einem Mann zusammen gewesen. Zwischendrin habe ich mich etwas ausgetobt. Dann habe ich wieder eine Frau kennen gelernt. So ging es mal auf diese Seite, mal auf die andere. Das ist eine längere Geschichte, aber ich kann es so vereinfachen. Vernünftig wäre gewesen, darauf zu kommen, dass bei jeder Beziehung die jeweils andere Seite fehlte – undenkbar, das trifft es: undenkbar.

Mein Herz tanzt – in diesem Sommer, Herbst, einen Tanz der Radikale, wild, bindungsoffen, schnell und voller Kraft. Die Partnerschaft hält, ich verliebe mich, es wird nichts draus, ich verliebe mich wieder, die Partnerschaft hält.

Meine Freunde, mein bisheriges Beziehungsnetz, verstehen mich nicht wirklich. Ich kämpfe mit den „normalen“ Vorstellungen von Liebe, Beziehung, Partnerschaft und habe selbst noch keine klare Vorstellung davon, wie die für mich richtigen Vorstellungen sind. Meine Freunde haben Verständnis dafür, dass es für meine Partnerin schwierig ist, mit der Situation zu Recht zu kommen, sie haben Verständnis dafür, dass sich ein Mann, in den ich mich verliebt habe und der mich auch liebt, sich trotzdem darauf nicht einlässt. Sie verstehen die anderen besser als mich. Meine Position ist noch nicht gefestigt, und trotzdem muss ich immer wieder auch mit meinen Freunden um diese Position kämpfen.

Im Herbst bin ich zum ersten Mal auf einem Treffen von BiNe, ein Workshop ist klar für mich gemacht: Der Workshop „Polyamory – Leben in Mehrfachbeziehungen“. Gut, ich habe vorher schon einiges im Internetforum disku- tiert, das war gut, aber unpersönlich und doch teilweise etwas vom Kopf bestimmt. Das Besondere an diesem Workshop war, persönlich von anderen zu erfahren, wie sie Mehrfachbeziehungen leben bzw. leben wollen. Sie zu erleben. Die eigenen Vorstellungen weiter zu entwickeln, ohne sofort mit den üblichen Vorstellungen kämpfen zu müssen. Wie eifersüchtig bin ich eigentlich selbst? Zwei, Drei, viele Beziehungen? Eigentlich reicht ein sicherer Platz im Herzen der Frau und des Mannes für mich aus. In meinem Herzen ist zur Zeit Platz für zwei Menschen, die ich liebe. Und andere – nicht alle – kämpfen auch noch mit sich selbst und den üblichen einengenden Vorstellungen. Vieles ist möglich.

Dass ich es mir einfach mache, dass ich beides will, ohne auf etwas zu verzichten – ja, warum denn auch? – , das habe ich in letzter Zeit oft gehört. Es könnte alles viel einfacher sein.

Mein Herz tanzt, tanzt mit Frauen und Männern den Tanz der Moleküle, zeitweise schnell, wild und radikal, zeitweise langsam, bedrängt und zäh, mit Höhen und Tiefen, leise und laut, aber es tanzt und das tut gut.

fs

Aktualisiert: 01/2007
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