Bijou 21

Sind Hetero-Männer in Wirklichkeit bisexuell?

Viele Menschen bezeichnen sich nicht als bisexuell, obwohl sie schon Sex mit beiden Geschlechtern hatten, davon träumten oder sich sogar in beide Geschlechter verlieben können. Dies hat wohl verschiedenste Ursachen: Die einen mögen einfach nur keine Schubladen (was in meinen Augen teilwei- se auch schade ist, weil eigentlich nur „heterosexuell“ und „homosexuell“ Schubladen sind, „bisexuell“ dagegen offen ist, nicht an konkretes Verhal- ten gebunden und eben keine Schublade – aber wenn die Bisexuellen sich nicht als bisexuell bezeichnen, denken viele, es gäbe keine oder nur wenige Bisexuelle). Die anderen haben Angst vor einem Outing. Die nächsten ent- scheiden sich einfach für die Präferenz eines Geschlechts und sehen so ihre Sexualität.

In New York City wurden nun 4193 Männer per Telefon nach ihrer sexuellen Identität und nach ihrer sexuellen Aktivität befragt. Dabei haben die Autoren P. Pathela, A. Hajat, J. Schillinger, S. Blank, R. Sell und F. Mostashari heraus- gefunden, dass 9,4% aller interviewten Männer, die sich selbst als heterose- xuell bezeichnen, in Wirklichkeit mindestens mit einem Mann im letzten Jahr Sex hatten. Also rund jeder 10. Hetero-Mann ist in Wirklichkeit bi oder gar schwul.

Im Gegensatz zu vielen anderen unseriösen Studien, die heutzutage in der Presse ihren Erfolg feiern, ist diese Studie „Discordance between Sexual Be- haviour and Self-Reported Sexual Identity: A Population-Based Survey of New York City Men“ (erschienen am 19.09.2006 in „Annals Of Internal Medicine“) nach meiner Einschätzung wirklich repräsentativ und wissenschaftlich. In der Studie wurden mehrere Fragen zur eigenen Einschätzung der eigenen Sexu- alität und zum eigenen Sexualverhalten (Geschlecht, Häufigkeit, Kondom- benutzung, Risikoverhalten, HIV-Test und diagnostizierte Geschlechtskrank- heiten) gestellt. Näher ausgewertet und verglichen wurden allerdings nur a) die sich selbst als schwul bezeichnenden Männer, b) die sich selbst als hetero bezeichnenden, aber auch homosexuelles Verhalten zeigenden Männer und c) sich als hetero bezeichnende und verhaltende Männer. Die Männer, die sich als bisexuell bezeichnen, fallen also z. B. heraus (in dieser Untersuchung sind dies lediglich magere 1,1%, zusammen mit den „heimlichen“ Bis kom- men die Bisexuellen aber auf das Zehnfache: 10,9%).

Die Autoren wollten mit ihrer Untersuchung eine Antwort auf die Frage geben, ob Ärzte sich auf die Angabe der sexuellen Orientierung verlassen können oder lieber nach dem sexuellen Aktivität fragen sollten. Denn rund 45% aller bekannt werdender HIV-Infektionen in den USA gingen auf Sex zwischen Männern zurück.

Dass nun viele angeblich Heterosexuelle bei der Angabe ihrer Sexualität schummeln, scheint die Studie eindeutig zu belegen. Was sie in meinen Au- gen aber nicht vermag, ist zu zeigen, dass diese Gruppe besonders gefährdet für HIV ist – auch wenn es mich überrascht, eher im Gegenteil, weil diese Männer weniger Sexualpartner zu haben scheinen als andere. Was die Autoren allerdings noch herausgefunden haben, ist Folgendes: Die „Hetero-Männer, die aber auch mit min. 1 Mann schlafen" …

Internet-Link: http://www.acponline.org/college/pressroom/survey.htm(externer Link)

Frank

Aktualisiert: 01/2007
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