Bijou 22

Brave New Bi World (BiJou 22)

„Was hast du mir denn da gekauft, Mama? Das ist ja richtig 'hetero'!“ „Was ist das denn für ein Wort? Das will ich nicht mehr hören! So etwas ist eklig! Du weißt genau, wie dein Vater und sein Freund reagieren würden, wenn sie so etwas von dir hören. Dann hätten wir wieder den ganzen Abend die Diskussion, was man mit solchen Verklemmten machen würde!“ „Jaja, ist schon gut! Das ist nur so ein Schnack in meiner Clique!“

Wie eine zarte Feder streichelt Philips Hand sanft über Melanies Haut, löst einen Schauer nach dem anderen bei ihr aus – nicht gleich weitergehend, als sie es jetzt gerne möchte, zeigt er Einfühlungsvermögen und massiert gerade richtig ihren verspannten Nacken mit gekonnten Griffen. Aber Philip hat noch eine Idee und zaubert hinter dem Kerzenmeer, das er aufgestellt hat, zwei Eiswürfel hervor. Langsam lässt er sie an ihrem Rücken heruntergleiten. Philip und Melanie sind heterosexuell, beide phantasievoll, er kann auch über Gefühle reden und diskutiert gerne, sie sagt ihm, was sie möchte und zickt ihn nicht gleich an, wenn etwas nicht stimmt.

Ihr Herz pocht, sie rennt und rennt, wie schnell sie nur kann, der Atem, die Spannung, die Angst, um die Ecke, weiter, sie rennt, sie rennt um ihr Leben! Wie können die nur so grausam sein? „Hilfe!“ schreit Dina innerlich, da stolpert sie plötzlich über einen Stein und fällt in der Gasse in den Dreck. Und da stehen ihre Verfolger, zwei Männer und eine Frau schon um sie herum, heben sie auf und pressen sie an die Wand: „Was hast du gesagt? Du bist eine dreckige Hete?“ – „Nein, ich wollte nur …“ – „Du stehst nur auf Männer, oder? Für so etwas wie mich bist du dir zu fein, was?“ keift die Frau. „Selber an sich rumspielen, sich sexy und schön finden, aber Sex unter Frauen ablehnen, was?“ – „Ich bin nun einmal hetero – das gehört zu mir!“ – „Verdammte Schlange! Wir sind alle bisexuell! Und wer das nicht zugibt, muss es halt spüren!“ Die Frau und die beiden Männer schlagen auf die Verfolgte ein, treten sie und hauen sie, bis sie ohnmächtig zusammensackt und auf den Boden fällt …

Der Pfarrer nimmt den Jungen in den Arm: „Du, das ist doch kein Problem! Wenn du so empfindest, ist es so. Gott liebt dich so, wie du bist! Und wenn du dich in Mädchen und Jungen verlieben kannst, dann ist es so, und Gott wird dich immer noch lieben! Schließlich hat Gott dich geschaffen. Und hier in der Kirche sind unsere Arme immer offen – ohne Bedingungen. Ich bin zwar überzeugter Heterosexueller, aber das heißt doch nicht, dass ich dir das aufzwingen will! Deine Eltern hier und ich sind für dich da und unterstützen dich auf deinem weiteren Weg. Vielleicht wirst du eines Tages dich nur auf das andere Geschlecht oder nur auf das eigene Geschlecht beschränken und nicht für beides offen sein. Und vielleicht bleibst du bei deiner Offenheit. Das entscheidest alleine du! Du musst nicht weinen, es ist alles in Ordnung! Es lebe die Vielfalt!“

Martin schüttelt den Kopf! „Du kannst doch niemals treu sein, wenn du schwul bist! Was soll das? Dann nehme ich mir lieber einen Bisexuellen, da weiß ich, was ich habe! Der ist treu und liebt nur mich, würde nie mit einer anderen oder einem anderen was anfangen, außer ich weiß davon. Aber wenn du hier ankommst, versprichst du mir einen von der Palme, wie treu du bist, und bumst den nächstbesten Typen an der Straßenecke!“ Rico ist traurig, denn obwohl er schwul ist, möchte er offen und ehrlich sein, glaubt an die Treue und würde nie heimlich fremdgehen. Wenn er das möchte, würde er offen darüber reden, anstatt die große Treue zu schwören und dann hintenrum … aber leider hat Martin zu große Vorurteile gegen Monosexuelle und gibt ihm keine Chance!

„Da bin ich aber froh!“ – Simone und Philine hüpfen vor Freude durch die Gegend. Philine hatte Angst, dass Simone nicht verstehen würde, dass sie auch bisexuell ist, auch auf Männer steht und gerne auch hin und wieder mit ihnen Sex hat. Aber Simone hat sie einfach in den Arm genommen und gesagt, dass das kein Problem sei. Auch sie findet Männer nett, aber möchte halt keine Beziehung und keinen Sex mit ihnen – Simone bleibt lesbisch. Aber es ist ja ein ganz anderes Paar Schuhe, deswegen hat Simone auch kein Problem damit, wenn Philine was mit Männern hat. Lesbisch sein heißt Offensein! Die Liebe ist, was zählt!

„Hoho! Ich bin ein richtiger Mann! Ich wasch mich nicht! Ich zieh das letzte dreckige Hemd an – ja, das ist männlich!“ Alle lachen, als Stefan seinen Mitschüler Till „nachgemacht“ hat. Till stehen die Tränen in den Augen, ihm ist zum Heulen zumute. Nur weil er anders ist, nur weil er nur auf Mädchen steht und nicht so gestylt ist wie die anderen bisexuellen Jungs, machen sie ihn fertig und lachen ihn aus. Muss das sein? „Wahrscheinlich kann er noch nicht mal tanzen!“ Jemand schubst Till, und der heterosexuelle Junge fliegt in den Matsch. „Guckt ihn euch nur an!“ Ein paar bisexuelle Mädchen gehen kichernd vorbei, und der Lehrer weiter hinten guckt weg. Und wenn er nach Hause kommt, sagt Tills Mutter wieder zu ihrer Geliebten, dass dieses Heterogehabe nur eine Phase ist. Zum Glück weiß Tills Vater nichts davon, sonst würde er ihn glatt vor die Tür werfen und sagen, dass er nicht mehr sein Sohn ist. Wer nicht bi ist, hat es eben verdient, so behandelt zu werden!

Frank

Aktualisiert: 12/2007
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